Körperliche Aktivität bei RA und Lupus einordnen
AFH | Akademie für Handrehabilitation Körperliche Aktivität bei rheumatoider Arthritis und Lupus: Warum die Befundung genauer hinschauen sollte
Viele Therapeut:innen kennen diese Situation: Zwei Menschen mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung berichten über Erschöpfung, Schmerzen oder Schwierigkeiten im Alltag. Dennoch ist ihr Bewegungsverhalten sehr unterschiedlich. Woran liegt das? Und welche Informationen helfen uns, körperliche Aktivität sinnvoll in die Befundung und Therapieplanung einzuordnen?
Eine aktuelle Querschnittsstudie aus Leipzig verglich Menschen mit rheumatoider Arthritis und systemischem Lupus erythematodes. Die Ergebnisse zeigen: Körperliche Aktivität lässt sich nicht allein über Diagnose, körperliche Leistungsfähigkeit oder einen einzelnen Testwert erklären. Gerade für die Handtherapie, Ergotherapie und Physiotherapie ist das ein hilfreicher Denkimpuls.
Was die Studie untersucht hat
Die Arbeitsgruppe um Justus Mörstedt untersuchte, welche Faktoren mit körperlicher Aktivität bei Menschen mit rheumatoider Arthritis (RA) und systemischem Lupus erythematodes (SLE) zusammenhängen. Rheumatoide Arthritis ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die vor allem Gelenke betreffen kann. Der systemische Lupus erythematodes ist ebenfalls eine Autoimmunerkrankung, kann jedoch sehr unterschiedliche Organsysteme und Lebensbereiche betreffen.
An der Querschnittsstudie nahmen 200 Menschen mit RA und 94 Menschen mit SLE teil, die in einer rheumatologischen Hochschulambulanz behandelt wurden. Die Forschenden erfassten soziodemografische und krankheitsbezogene Daten, Begleiterkrankungen, gesundheitsbezogene Lebensqualität und körperliche Aktivität. Für die Aktivität nutzten sie die Langform des International Physical Activity Questionnaire, kurz IPAQ. Dieses Instrument bildet selbstberichtete Bewegung in verschiedenen Lebensbereichen ab, etwa im Beruf, Haushalt, bei Wegen oder in der Freizeit.
Wichtig ist die Studienanlage: Eine Querschnittsstudie zeigt Zusammenhänge zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie kann nicht belegen, dass ein Faktor die körperliche Aktivität verursacht oder verändert.
Rheumatoide Arthritis und Lupus unterscheiden sich im Aktivitätsprofil
Menschen mit RA zeigten in dieser Untersuchung eine geringere körperliche Leistungsfähigkeit als die SLE-Gruppe. Gleichzeitig berichteten sie über höhere Werte körperlicher Aktivität. Das klingt zunächst widersprüchlich, ist für die Praxis aber spannend.
Körperliche Leistungsfähigkeit und körperliche Aktivität sind nicht dasselbe. Leistungsfähigkeit beschreibt, was jemand in einem standardisierten Test unter bestimmten Bedingungen leisten kann. Körperliche Aktivität umfasst dagegen Bewegung im gesamten Alltag: Wege zu Fuß, Haushaltsaufgaben, Arbeit, Freizeit oder Sport. Jemand kann in einem Leistungstest eingeschränkt sein und dennoch im Alltag aktiv bleiben – beispielsweise, weil Aufgaben, Rollen oder Routinen dies erfordern.
Entscheidend ist also nicht nur der Testwert, sondern auch der Alltag dahinter. Wer nur auf einen Wert schaut, übersieht möglicherweise wichtige Aspekte: Wie ist der Tagesablauf? Welche Aktivitäten sind bedeutsam? Wo liegen Barrieren? Welche Strategien nutzt die Person, um trotz Beschwerden aktiv zu bleiben?
Fibromyalgie war bei rheumatoider Arthritis mit geringerer Aktivität verbunden
In der RA-Gruppe war eine begleitende Fibromyalgie der einzige Faktor, der in der multivariablen Analyse statistisch signifikant mit geringerer körperlicher Aktivität verbunden war. Fibromyalgie bezeichnet ein komplexes Beschwerdebild, bei dem unter anderem chronische, weitverbreitete Schmerzen, Erschöpfung und Schlafprobleme auftreten können.
Das Ergebnis ist kein Beweis für Ursache und Wirkung, aber ein relevanter Hinweis. Bei Menschen mit RA und zusätzlicher Fibromyalgie kann es besonders wichtig sein, nicht ausschließlich entzündliche Aktivität oder Gelenkfunktion zu betrachten. Schmerzen, Erschöpfung, Schlaf, Belastungserleben und Teilhabe können das Bewegungsverhalten mitprägen.
Für die Therapieplanung heißt das nicht automatisch, dass eine bestimmte Maßnahme angezeigt ist. Es bedeutet vielmehr: Die Befundung sollte Raum für die individuelle Erfahrung der Person lassen. Ein niedriges Aktivitätsniveau ist nicht einfach mangelnde Motivation. Es kann Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels von Beschwerden, Alltag und verfügbaren Ressourcen sein.
Beim Lupus blieb das Bild komplexer
Für die SLE-Gruppe fanden die Forschenden keine unabhängigen Prädiktoren für körperliche Aktivität. Fibromyalgie und depressive Symptome zeigten zwar einen Zusammenhangstrend mit geringerer Aktivität, erreichten in den statistischen Modellen jedoch keine Signifikanz.
Auch die Beziehung zwischen selbstberichteter körperlicher Aktivität und objektiv erfasster Gehfähigkeit war in beiden Gruppen nur moderat. Bei RA erklärte die Gehfähigkeit 19 Prozent der Unterschiede in den Aktivitätswerten, bei SLE 12 Prozent. Anders gesagt: Die gemessene Gehfähigkeit bildet nur einen begrenzten Teil dessen ab, was Menschen in ihrem Alltag tatsächlich tun.
Gerade beim SLE kann das nachvollziehbar sein. Die Erkrankung verläuft individuell sehr unterschiedlich. Fatigue, psychische Belastungen, wechselnde Beschwerden, berufliche Anforderungen, soziale Rollen und individuelle Prioritäten können zusammenwirken. Die Diagnose allein erzählt noch nicht, wie jemand seinen Alltag bewältigt.
Was das für Handtherapie und Rehabilitation bedeutet
Für Therapeut:innen ist die Studie vor allem eine Erinnerung daran, verschiedene Perspektiven in der Befundung zu verbinden. Handfunktion, Beweglichkeit, Kraft und Schmerz sind wichtige Informationen. Sie reichen aber nicht aus, wenn wir verstehen wollen, wie aktiv eine Person lebt und welche Aktivitäten für sie relevant sind.
Im therapeutischen Gespräch können Fragen helfen wie: Welche Handlungen sind im Alltag wichtig? Was gelingt aktuell gut? Wann wird Aktivität schwieriger? Welche Rolle spielen Erschöpfung, Schmerz, Unsicherheit oder fehlende Möglichkeiten? Besonders bei Tätigkeiten mit hoher Handbelastung – etwa Selbstversorgung, Haushaltsaufgaben, Beruf, Mobilität oder Hobbys – zeigt sich häufig, wie eng Handfunktion und Teilhabe verbunden sind.
Die Studie liefert keine fertige Handlungsanweisung. Sie spricht auch nicht für ein einheitliches Bewegungsprogramm bei RA und SLE. Sie unterstützt jedoch einen personenzentrierten Blick: Ziele sollten an den individuellen Möglichkeiten, Symptomen, Lebensumständen und bedeutsamen Betätigungen ausgerichtet sein.
Allgemeine Empfehlungen zur körperlichen Aktivität können dabei eine Orientierung bieten. Die WHO betont für Erwachsene – einschließlich Menschen mit chronischen Erkrankungen – den Nutzen regelmäßiger Bewegung und einer Reduktion langer Sitzzeiten. Solche Empfehlungen müssen in der Rehabilitation jedoch immer auf die individuelle gesundheitliche Situation und ärztlich-rheumatologische Einschätzung abgestimmt werden.
Welche Grenzen die Studie hat
Die Studie hat relevante Limitationen. Erstens erlaubt ihr Querschnittsdesign keine Aussagen über zeitliche Entwicklungen oder Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Es bleibt offen, ob etwa Fibromyalgie zu weniger Aktivität beiträgt, ob geringere Aktivität Beschwerden beeinflusst oder ob weitere Faktoren beide Aspekte mitbestimmen.
Zweitens wurde körperliche Aktivität überwiegend per Selbstbericht erfasst. Solche Angaben sind wertvoll, können aber von Erinnerung, persönlicher Einschätzung und der Interpretation einzelner Aktivitäten beeinflusst sein. Drittens stammen alle Teilnehmenden aus einer spezialisierten rheumatologischen Ambulanz. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Menschen mit RA oder SLE übertragen.
Hinzu kommt die vergleichsweise kleine SLE-Gruppe. Mögliche Zusammenhänge könnten dadurch schwerer nachweisbar gewesen sein. Die nicht signifikanten Trends zu Fibromyalgie und depressiven Symptomen sollten daher weder überinterpretiert noch ignoriert werden.
Fazit: Aktivität ist mehr als Leistungsfähigkeit
Die Studie macht deutlich: Menschen mit RA und SLE brauchen keinen pauschalen Blick auf Bewegung, sondern einen Blick auf ihren konkreten Alltag. Bei RA war eine begleitende Fibromyalgie mit geringerer körperlicher Aktivität verbunden. Beim SLE zeigte sich kein einzelner unabhängiger Faktor – ein Hinweis auf ein komplexes Zusammenspiel körperlicher, psychischer und sozialer Aspekte.
Für die Rehabilitation heißt das: Testwerte bleiben wichtig. Doch sie werden aussagekräftiger, wenn wir sie mit der Lebenswelt der Person verbinden. Wer aktiv sein möchte oder muss, braucht nicht nur körperliche Voraussetzungen, sondern auch passende Rahmenbedingungen, realistische Ziele und Strategien für den Alltag.
Quelle
Mörstedt J, Lipovskiy L, Graul B, Seifert O, Oeng A. Disease-Specific Associations of Physical Activity in Patients with Rheumatoid Arthritis and Systemic Lupus Erythematosus. Neuroimmunomodulation. 2026. doi: 10.1159/nim/adxag003
PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42700434/Bull FC, Al-Ansari SS, Biddle S, et al. World Health Organization 2020 guidelines on physical activity and sedentary behaviour. British Journal of Sports Medicine. 2020;54(24):1451–1462. doi: 10.1136/bjsports-2020-102955. Volltext: https://bjsm.bmj.com/content/54/24/1451
Rausch Osthoff AK, Juhl CB, Knittle K, et al. 2018 EULAR recommendations for physical activity in people with inflammatory arthritis and osteoarthritis. Annals of the Rheumatic Diseases. 2018;77(9):1251–1260. doi: 10.1136/annrheumdis-2018-213585. Volltext: https://ard.bmj.com/content/77/9/1251
























