PTEN und Wundheilung: Neue Einblicke in gestörte Heilungsprozesse
AFH | Akademie für Handrehabilitation PTEN und Wundheilung: Neue Einblicke in gestörte Heilungsprozesse
Wundheilung beruht auf einem fein abgestimmten Zusammenspiel von Immunantwort, Durchblutung, Lymphsystem und Gewebereparatur. Eine aktuelle Studie zu chronischen venösen Beinulzera zeigt, dass diese Prozesse bei nicht heilenden Wunden gemeinsam verändert sein können. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das Protein PTEN als möglicher Regulator dieser Vorgänge.
Chronische und verzögerte Wundheilung kann die Mobilität, Selbstversorgung, berufliche Teilhabe und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Für Ergo- und Physiotherapeut:innen, Handtherapeut:innen sowie weitere Fachpersonen der Rehabilitation ist ein fundiertes Verständnis der zugrunde liegenden biologischen Prozesse deshalb wertvoll. Es hilft, komplexe Heilungsverläufe differenziert einzuordnen und die Bedeutung einer interprofessionellen Versorgung zu verstehen.
Eine 2026 in Science Translational Medicine veröffentlichte Studie untersuchte molekulare Unterschiede zwischen heilenden und nicht heilenden venösen Beinulzera. Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, wie Immunreaktionen, Blutgefäßneubildung und Lymphgefäßneubildung miteinander verbunden sein können. Wichtig ist jedoch: Die Untersuchung bezieht sich auf venöse Beinulzera. Eine direkte Übertragung auf andere Wundarten oder auf die Handrehabilitation ist nicht möglich.
Wundheilung ist ein koordinierter biologischer Prozess
Wundheilung verläuft nicht einfach in einer geraden Linie. Sie umfasst mehrere sich überschneidende Prozesse: die frühe Immunantwort, die Neubildung von Gewebe, die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen sowie den Umbau des Gewebes. Unterschiedliche Zelltypen und Signalwege müssen dabei räumlich und zeitlich koordiniert zusammenwirken.
Eine Entzündungsreaktion ist in diesem Zusammenhang nicht grundsätzlich problematisch. Sie ist in der frühen Wundheilung unter anderem daran beteiligt, Zelltrümmer und Krankheitserreger zu beseitigen sowie weitere Reparaturprozesse anzustoßen. Ebenso wichtig sind die Angiogenese, also die Neubildung von Blutgefäßen, und die Lymphangiogenese, die Neubildung von Lymphgefäßen. Blutgefäße tragen zur Versorgung des Gewebes bei; Lymphgefäße sind unter anderem für den Flüssigkeitshaushalt und den Transport bestimmter Immunzellen relevant.
Was hat die Studie untersucht?
Die Autor:innen analysierten chronische venöse Beinulzera mit zwei Verfahren der Genexpressionsforschung. Genexpression beschreibt vereinfacht, welche Gene in Zellen gerade aktiv abgelesen werden und welche Bauanleitungen für Proteine dadurch verfügbar sind.
Bei der Bulk-RNA-Sequenzierung wird die RNA einer gesamten Gewebeprobe untersucht. Das Verfahren zeigt ein Gesamtbild der Genaktivität im Gewebe.
Die Single-Cell-RNA-Sequenzierung betrachtet dagegen einzelne Zellen. So können Unterschiede zwischen Zelltypen, etwa Immunzellen oder Zellen der Blut- und Lymphgefäße, besser sichtbar werden.
Zunächst analysierte das Team chronische venöse Beinulzera mit Single-Cell-RNA-Sequenzierung. Dabei zeigten sich Veränderungen in Immunzellen, Lymphendothelzellen und Endothelzellen. Endothelzellen kleiden Blut- und Lymphgefäße aus. In einem weiteren Studienteil begleiteten die Forschenden Patient:innen unter Standardversorgung über vier Wochen und beurteilten die Wunden wöchentlich. Wunden mit mindestens 50 Prozent Wundverschluss wurden als heilend eingestuft, die übrigen als nicht heilend.
Die Genexpressionsmuster dieser Gruppen wurden zusätzlich mit jenen akuter menschlicher Wunden verglichen. Heilende venöse Beinulzera ähnelten dabei eher den Genexpressionssignaturen einer physiologischen akuten Wundheilung. Nicht heilende venöse Beinulzera wiesen dagegen deutlich verminderte Signaturen der Entzündungsantwort, der Angiogenese und der Lymphangiogenese auf.
PTEN im Fokus der Forschung
Mithilfe bioinformatischer Analysen identifizierte das Forschungsteam PTEN als möglichen übergeordneten Regulator der beobachteten Prozesse. PTEN steht für phosphatase and TENsin homolog. Es handelt sich um ein Protein, das verschiedene zelluläre Signalwege beeinflussen kann.
In den untersuchten nicht heilenden venösen Beinulzera war die PTEN-Proteinexpression höher als in heilenden Wunden. Die Forschenden ordneten PTEN deshalb als wichtigen Kandidaten innerhalb eines komplexen Netzwerks ein, das mit Immunantwort, Angiogenese und Lymphangiogenese verbunden ist.
Diese Beobachtung darf jedoch nicht mit einem Kausalitätsnachweis verwechselt werden. Dass PTEN in nicht heilenden Wunden stärker exprimiert wurde, bedeutet zunächst: Höhere PTEN-Proteinexpression war in dieser Stichprobe mit dem nicht heilenden Wundphänotyp verbunden. Daraus folgt nicht automatisch, dass PTEN allein die ausbleibende Heilung verursacht. Chronische Wunden sind komplex und durch zahlreiche lokale sowie systemische Faktoren geprägt.
Um die mögliche funktionelle Bedeutung von PTEN weiter zu untersuchen, hemmten die Autor:innen PTEN pharmakologisch in einem Mausmodell akuter Wunden. In diesem Modell nahmen die Immunantwort und proinflammatorische Signale sowie Marker der Blut- und Lymphgefäßneubildung zu. Gleichzeitig war die Wundschließung akuter Mauswunden beschleunigt.
Relevanz für Ergotherapie, Physiotherapie und Handtherapie
Die Studie bezieht sich auf venöse Beinulzera und nicht auf Wunden der Hand, postoperative Wunden, Verbrennungsverletzungen, traumatische Verletzungen oder diabetische Fußulzera. Ihre Ergebnisse können daher nicht unmittelbar auf diese Wundformen übertragen werden.
Trotzdem bietet die Arbeit einen relevanten Impuls für therapeutische Fachpersonen: Sie verdeutlicht, dass Wundheilung nicht auf einen einzelnen lokalen Faktor reduziert werden sollte. Immunologische Prozesse, die Bildung von Blut- und Lymphgefäßen sowie das lokale Gewebemilieu sind miteinander verknüpft. Diese Perspektive kann helfen, verzögerte Heilungsverläufe nicht vorschnell zu vereinfachen.
Für die Rehabilitation bleiben dabei die individuellen Folgen einer Wunde entscheidend. Dazu zählen beispielsweise Schmerz, Schwellung, Beweglichkeit, Belastbarkeit, Greiffunktion, Selbstversorgung, Mobilität und Teilhabe. Therapeut:innen tragen durch Befund, funktionsorientierte Interventionen, Edukation im eigenen Aufgabenbereich sowie eine gute Kommunikation im Behandlungsteam zu einer koordinierten Versorgung bei.
Bei auffälligen, stagnierenden oder sich verschlechternden Wundverläufen ist eine strukturierte medizinische Abklärung wichtig. Die Studie ersetzt weder medizinische Diagnostik noch etablierte Standards der Wundversorgung. Sie unterstreicht vielmehr die Bedeutung interprofessioneller Zusammenarbeit zwischen ärztlichem Dienst, Pflege, Therapie und – je nach Ursache – weiteren Fachdisziplinen.
Grenzen der Studie: Was sich noch nicht ableiten lässt
Die Studie verbindet Untersuchungen an menschlichem Wundgewebe mit einem experimentellen Mausmodell. Das ist wissenschaftlich hilfreich, begrenzt aber die klinische Übertragbarkeit.
Erstens wurde eine PTEN-Hemmung nicht als Therapie bei Menschen mit venösen Beinulzera untersucht. Die beschleunigte Wundschließung wurde ausschließlich in akuten Mauswunden beobachtet. Ob eine PTEN-bezogene Behandlung bei chronischen venösen Beinulzera wirksam und sicher wäre, ist offen und müsste in weiteren präklinischen sowie klinischen Studien geprüft werden.
Zweitens ist die Untersuchung spezifisch für venöse Beinulzera. Es ist nicht belegt, dass die beschriebenen Genexpressionsmuster oder die Rolle von PTEN bei anderen chronischen Wunden, akuten Verletzungen oder Wunden an der Hand in gleicher Weise bestehen.
Drittens sind molekulare Veränderungen nicht automatisch mit patientenrelevanten Ergebnissen gleichzusetzen. Vollständige Wundheilung, Heilungsdauer, Rezidive, Schmerzen, Funktionsfähigkeit, Teilhabe und Lebensqualität wurden durch die experimentelle PTEN-Hemmung beim Menschen nicht untersucht.
Fazit: Grundlagenforschung mit Perspektive
Die Studie liefert neue Einblicke in die Biologie nicht heilender venöser Beinulzera. Sie beschreibt eine verminderte Genexpressionssignatur von Immunantwort, Angiogenese und Lymphangiogenese und identifiziert PTEN als möglichen zentralen Regulator dieser miteinander verbundenen Prozesse.
Für das allgemeine Verständnis von Wundheilung ist dies ein relevanter Forschungsimpuls. Für die klinische Versorgung ergibt sich daraus jedoch noch keine neue Behandlungsempfehlung. Die Daten stammen aus einem spezifischen Kontext venöser Beinulzera und einem ergänzenden Mausmodell akuter Wunden.
Quelle
Marjanovic, Jelena; Abdo Abujamra, Beatriz; Strbo, Natasa; Padula, Laura I.; Griswold, Anthony J.; Jozic, Ivan; Nagalla, Raji R.; Burgess, Jamie L.; Predic, Sandra; Stone, Rivka C.; Thaller, Seth R.; Brem, Harold; Lev-Tov, Hadar; Kirsner, Robert S.; Pastar, Irena; Tomic-Canic, Marjana.
PTEN acts as a master mediator of nonhealing venous leg ulcers by suppressing immune response, angiogenesis, and lymphangiogenesis. Science Translational Medicine, 2026, 18(858), eadv4095.



















