Rheumatische Erkrankungen verkürzen gesundes Arbeitsleben
AFH | Akademie für Handrehabilitation Europäische Studie zeigt dringenden Handlungsbedarf
Eine aktuelle Studie, die im renommierten Fachjournal Annals of the Rheumatic Diseases veröffentlicht wurde, liefert alarmierende Zahlen: Menschen mit rheumatischen und muskuloskelettalen Erkrankungen (RMDs) bleiben europaweit deutlich kürzer gesund und erwerbstätig als Gleichaltrige ohne solche Erkrankungen. Für uns als Ergo- und Physiotherapeuten bestätigt diese Studie, was wir täglich in der Praxis erleben – und zeigt gleichzeitig, wie wichtig unsere Arbeit für den Erhalt der Arbeitsfähigkeit unserer Patientinnen und Patienten ist.
Was wurde untersucht?
Das Forschungsteam der Keele University (UK) unter Leitung von Professor Ross Wilkie hat das Konzept der Healthy Working Life Expectancy (HWLE) – also der „gesunden Lebensarbeitserwartung" – untersucht. Gemeint ist damit: Wie viele Jahre kann ein Mensch ab dem 50. Lebensjahr noch gesund und erwerbstätig bleiben?
Dafür wurden Daten aus zwei großen europäischen Längsschnittstudien ausgewertet:
SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, 2004–2022)
ELSA (English Longitudinal Study of Ageing, 2002–2023)
Insgesamt wurden Daten aus 19 europäischen Ländern analysiert, darunter auch Deutschland und Österreich. „Gesund" bedeutete dabei: keine Erkrankung, die die Arbeitsfähigkeit langfristig einschränkt. Als „erwerbstätig" galt, wer angestellt oder selbstständig beschäftigt war.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick
In 18 von 19 Ländern war die HWLE für Menschen mit RMDs signifikant niedriger als für die Vergleichsbevölkerung.
In 6 Ländern betrug die HWLE für Betroffene 50 % oder weniger im Vergleich zu Menschen ohne RMDs.
Den niedrigsten Wert verzeichnete Österreich: Betroffene konnten im Schnitt nur noch 2,60 Jahre gesund arbeiten – das entspricht lediglich 42,9 % des Werts der Nicht-Betroffenen.
Den höchsten HWLE-Wert für Menschen mit RMDs hatte die Schweiz, den niedrigsten allgemein Rumänien.
Besonders betroffen waren:
Menschen mit niedrigem Bildungsniveau (in allen 19 Ländern)
Menschen mit körperlicher Inaktivität (in 16 von 19 Ländern)
Es zeigten sich außerdem deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Was bedeutet das für unsere therapeutische Praxis?
Diese Studie macht eines sehr deutlich: RMDs sind nicht nur eine individuelle Belastung – sie sind ein massives gesellschaftliches und gesundheitswirtschaftliches Problem. Und genau hier setzen Ergo- und Physiotherapie an.
Für uns als Therapeutinnen und Therapeuten ergeben sich daraus konkrete Schlussfolgerungen:
Frühzeitiger Funktionserhalt ist entscheidend Je früher wir intervenieren, desto besser lassen sich Arbeitsfähigkeit und Alltagskompetenzen erhalten. Gelenk- und Handschutz, angepasste Alltagshilfen und funktionsorientiertes Training können den Verlauf maßgeblich beeinflussen.
Körperliche Aktivität als Schutzfaktor Die Studie zeigt, dass körperlich aktive Menschen mit RMDs eine deutlich höhere HWLE aufweisen. Das unterstreicht die Bedeutung unserer therapeutischen Bewegungsangebote und der Motivation zur regelmäßigen körperlichen Aktivität – auch außerhalb der Therapie.
Soziale Ungleichheit als Therapiefaktor Menschen mit niedrigerer Bildung und körperlich anspruchsvolleren Berufen sind besonders gefährdet. Ein sensitives Arbeitsplatz-Assessment und die Beratung zu Hilfsmitteln und Arbeitsplatzanpassungen gewinnen damit noch mehr Bedeutung.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist unverzichtbar Die Unterschiede zwischen den Ländern deuten darauf hin, dass nationale Versorgungsstrukturen und politische Rahmenbedingungen einen großen Einfluss haben. Als Teil des Versorgungssystems können wir durch eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten, Arbeitgebern und Sozialeinrichtungen dazu beitragen, die HWLE unserer Patientinnen und Patienten aktiv zu verbessern.
Fazit
Diese europaweite Analyse liefert einen starken wissenschaftlichen Beleg für etwas, das wir in der täglichen Behandlung immer wieder beobachten: Rheumatische und muskuloskelettale Erkrankungen kosten die Betroffenen wertvolle, gesunde Arbeitsjahre.
Die gute Nachricht ist: Die Studie zeigt auch, dass Interventionen wirken – körperliche Aktivität und bessere Versorgungsstrukturen können den Unterschied machen.
Unsere Arbeit in der Hand- und Bewegungsrehabilitation ist damit nicht nur therapeutisch sinnvoll, sondern auch volkswirtschaftlich bedeutsam. Nutzen wir diese Erkenntnisse, um unsere therapeutischen Konzepte noch stärker auf den Erhalt der Arbeitsfähigkeit auszurichten.
Originalstudie
Den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Exercise for osteoarthritis: umbrella review and meta-analysis.











