Warum „Rotatorenmanschetten-Risse“ nach 40 oft normal sind
Warum „Rotatorenmanschetten-Risse“ nach 40 oft normal sind
AFH | Akademie für Handrehabilitation Schulter-MRT: Warum „Rotatorenmanschetten-Risse“ nach 40 oft normal sind – und was das für die Therapie bedeutet
Wer schon einmal wegen Schulterbeschwerden im MRT war, kennt das Gefühl: Im Befund steht plötzlich „Tendinopathie“, „Teilriss“ oder sogar „Riss der Rotatorenmanschette“ – und auf einmal wirkt es, als wäre etwas „kaputt“.
Eine neue, bevölkerungsbasierte Studie aus Finnland stellt genau diese automatische Schlussfolgerung infrage:
Solche Befunde sind nach dem 40. Lebensjahr nahezu allgegenwärtig – selbst bei Menschen ohne Schmerzen.
Was hat die Studie untersucht?
In der FIMAGE-Studie wurden 602 zufällig ausgewählte Erwachsene (41–76 Jahre) aus der Allgemeinbevölkerung untersucht. Alle Teilnehmenden erhielten eine standardisierte klinische Untersuchung und beidseitige 3-Tesla-MRTs der Schultern. Erfasst wurde, ob in der vorausgehenden Woche Schmerzen oder Funktionsprobleme bestanden.
Die wichtigsten Ergebnisse in klaren Zahlen
98,7% der Teilnehmenden hatten im MRT mindestens eine Rotatorenmanschetten-Auffälligkeit.
Verteilung (pro Person, „mindestens eine Schulter“):
Tendinopathie: 25,3%
Teilriss (Partial-Thickness Tear): 62,4%
Vollschicht-Riss (Full-Thickness Tear): 11,1%
Auf Schulter-Ebene:
Asymptomatische Schultern: 96% hatten Auffälligkeiten
Symptomatische Schultern: 98% hatten Auffälligkeiten
Interessant ist der Detailblick auf Vollschicht-Risse:
Unangepasst waren Vollschicht-Risse bei symptomatischen Schultern häufiger (14,6%) als bei asymptomatischen (6,5%).
Nach Adjustierung (u. a. für andere MRT-Befunde und klinische Rotatorenmanschetten-Tests) verschwand dieser Unterschied praktisch (absolute Differenz 0,8%, 95% CI −3,4 bis 6,0).
Und: Von 96 beobachteten Vollschicht-Rissen lagen 78% in asymptomatischen Schultern.
Was bedeutet das für Patient:innen?
Ein MRT-Befund ist nicht automatisch die Schmerzursache. Viele Veränderungen scheinen altersassoziierte Strukturveränderungen zu sein – vergleichbar mit „Falten“ im Gewebe: sichtbar, aber nicht zwingend problematisch.
Die Autor:innen folgern deshalb, dass Routine-Bildgebung nicht der zentrale Kompass für Diagnose oder Therapie bei atraumatischen Schulterschmerzen sein sollte.
Was bedeutet das für die Praxis?
Erst Funktion & Klinik, dann Bildgebung.
Wenn Beweglichkeit, Krafttests, Schmerzverhalten und Belastbarkeit gut eingeordnet sind, verliert ein isolierter MRT-Befund oft seinen Schrecken.Befund ≠ Behandlungspflicht.
„Teilriss“ oder „Tendinopathie“ heißt nicht automatisch OP oder Injektion. Häufig sind Belastungssteuerung, Training und Zeit die entscheidenden Faktoren.MRT gezielt statt reflexartig.
MRT kann wichtig sein – z. B. nach Trauma, bei deutlichem Kraftverlust, Red Flags oder wenn sich der Verlauf trotz guter konservativer Maßnahmen nicht erklärt. Aber: „Zur Sicherheit mal ein MRT“ kann auch zu unnötiger Sorge und Übertherapie führen, wenn man Befunde überbewertet
Kurzfazit
Nach dem 40. Lebensjahr sind Rotatorenmanschetten-Auffälligkeiten im MRT nahezu universell – auch ohne Beschwerden.
Deshalb sollten Therapieentscheidungen bei atraumatischen Schulterschmerzen nicht primär am MRT hängen, sondern am klinischen Bild, Funktion und Verlauf.
Quelle: Ibounig et al., JAMA Internal Medicine, online veröffentlicht am 16. Februar 2026. (JAMA Network)







