E-Scooter-Unfälle und Rehabilitation: neue Studiendaten
AFH | Akademie für Handrehabilitation E-Scooter-Unfälle: Was eine neue Studie für die Rehabilitation bedeutet
E-Scooter gehören inzwischen zum urbanen Alltag.
Mit ihrer Verbreitung rückt auch die Frage in den Fokus, welche Verletzungsmuster nach Unfällen auftreten – und welche Folgen sie für Akutversorgung und Rehabilitation haben können.
Eine aktuelle Studie aus England und Wales verglich Verletzungen von E-Scooter-Fahrenden mit denen von Motorrad- und Fahrradfahrenden.
Für die Handtherapie liefert sie keine direkte Aussage zu funktionellen Rehabilitationsergebnissen. Sie zeigt jedoch wichtige Kontexte für die Versorgung nach komplexen Unfallverletzungen auf.
Die Studie im Überblick
Die retrospektive Beobachtungsstudie von Kungwengwe und Kolleg:innen wertete zwei voneinander getrennte Datenquellen aus:
Das National Major Trauma Registry für England und Wales mit Daten von Personen mit mittelschweren bis schweren Traumata aus den Jahren 2020 bis 2022 und selbstberichtete Ereignisdaten des E-Scooter-Verleihers Voi aus 18 Städten zwischen 2020 und 2024.
Im Traumaregister wurden insgesamt 15.247 Patient:innen erfasst, darunter 580 E-Scooter-Fahrende, 7.027 Motorradfahrende und 7.640 Fahrradfahrende. Die Verleihdaten umfassten 23.193 gemeldete Ereignisse bei mehr als 33 Millionen Fahrten.
Wichtig für die Einordnung: Die beiden Datenquellen wurden nicht miteinander verknüpft und auch nicht gemeinsam statistisch ausgewertet. Das Traumaregister beschreibt vor allem mittelschwere bis schwere Verletzungen mit Krankenhausbehandlung. Die Verleihdaten bilden dagegen freiwillig gemeldete Ereignisse im Miet-Scooter-System ab – von Beinahe-Unfällen bis hin zu schweren Verletzungen.
Häufiger Kopf- und Organverletzungen im Vergleich
Im Traumaregister zeigte sich bei E-Scooter-Fahrenden ein anderes Verletzungsprofil als bei den Vergleichsgruppen.
Nach Anpassung an das Alter war der Anteil traumatischer Hirnverletzungen bei erwachsenen E-Scooter-Fahrenden höher als bei Motorradfahrenden und Fahrradfahrenden. Gegenüber Motorradfahrenden lag das relative Risiko bei 3,45, gegenüber Fahrradfahrenden bei 1,74.
Dabei ist eine präzise Interpretation entscheidend:
Diese relativen Risiken beziehen sich auf die Zusammensetzung der Verletzungen bei bereits im Traumaregister erfassten Personen.
Sie zeigen also nicht, wie hoch das absolute Risiko einer Verletzung pro Fahrt, gefahrenem Kilometer oder E-Scooter-Nutzenden ist.
Obere Extremität: Nicht häufiger, aber rehabilitativ bedeutsam
Für die Akademie für Handrehabilitation ist ein Ergebnis besonders wichtig:
Verletzungen der oberen Extremität waren bei E-Scooter-Fahrenden im Vergleich zu Motorrad- und Fahrradfahrenden im untersuchten Traumaregister nicht häufiger, sondern anteilig seltener.
Das bedeutet:
Die Studie ist keine Grundlage für die Aussage, E-Scooter führten besonders häufig zu Hand- oder Armverletzungen.
Dennoch bleiben Verletzungen von Hand, Handgelenk, Unterarm, Ellenbogen und Schulter nach Stürzen oder Kollisionen klinisch und rehabilitativ relevant.
Gerade bei komplexen Unfallfolgen können Frakturen, Bandverletzungen, Weichteilschäden sowie Nerven- oder Gefäßverletzungen die Handfunktion und Teilhabe erheblich beeinträchtigen.
Was Handtherapie und Rehabilitation daraus ableiten können
Die Studie unterstreicht vor allem die Bedeutung einer differenzierten rehabilitativen Einschätzung nach Unfallverletzungen.
Die Art des Verkehrsmittels allein beschreibt weder die konkrete Schädigung noch den individuellen Therapiebedarf.
Für Handtherapeut:innen, Ergo- und Physiotherapeut:innen können bei Patient:innen nach E-Scooter-Unfällen unter anderem folgende Fragen relevant sein:
▶ Welche anatomischen Strukturen sind verletzt, und welche Belastungsvorgaben bestehen?
▶ Liegen Begleitverletzungen vor, beispielsweise am Kopf, Thorax oder an inneren Organen, die den Rehabilitationsverlauf beeinflussen?
▶ Bestehen Hinweise auf Sensibilitätsveränderungen, Schwellung, Schmerzen, Narbenprobleme oder Einschränkungen der Beweglichkeit?
▶ Welche Anforderungen ergeben sich aus Beruf, Selbstversorgung, Mobilität, Familie und Freizeit?
Kinder und Jugendliche verdienen besondere Aufmerksamkeit
Im Traumaregister war der Anteil von unter 18-Jährigen bei den E-Scooter-Verletzten höher als in den Vergleichsgruppen. 16,2 Prozent der registrierten E-Scooter-Fahrenden waren jünger als 18 Jahre; bei Motorradfahrenden waren es 6,2 Prozent, bei Fahrradfahrenden 8,9 Prozent.
Bei pädiatrischen E-Scooter-Fahrenden zeigte sich ebenfalls ein höherer Anteil traumatischer Hirnverletzungen als bei Kindern und Jugendlichen in den Vergleichsgruppen. Die Autor:innen weisen jedoch darauf hin, dass einzelne Schätzungen in den pädiatrischen Untergruppen auf kleinen Fallzahlen beruhen und entsprechend vorsichtig interpretiert werden müssen.
Für die Rehabilitation bedeutet dies: Neben der körperlichen Heilung müssen Entwicklungsstand, Schule, Familie, Freizeit und die psychische Verarbeitung eines Unfalls berücksichtigt werden. Die vorliegende Studie selbst untersuchte diese Aspekte jedoch nicht.
Grenzen der Studie
Die Arbeit hat mehrere relevante Limitationen. Erstens handelt es sich um eine beobachtende Querschnittsanalyse.
Ursache-Wirkungs-Aussagen sind damit nicht möglich. Einflussfaktoren wie Geschwindigkeit, Alkohol- oder Substanzkonsum, Fahrpraxis, Straßenzustand, Unfallmechanismus oder Schutzverhalten waren nicht vollständig verfügbar.
Zweitens erfasst das Traumaregister vor allem mittelschwere bis schwere Fälle.
Leichtere Verletzungen, die ambulant behandelt werden, bleiben weitgehend unberücksichtigt.
Drittens beziehen sich die Verleihdaten nur auf freiwillig gemeldete Ereignisse eines einzelnen Anbieters von Miet-E-Scootern.
Sie sind nicht ohne Weiteres auf private E-Scooter oder auf Deutschland übertragbar.
Viertens dokumentiert die Studie keine langfristigen funktionellen Ergebnisse.
Aussagen über Dauer der Arbeitsunfähigkeit, Therapiebedarf, Rückkehr in den Alltag oder handtherapeutische Behandlungserfolge sind daher nicht möglich.
Fazit für die Praxis
Die Studie zeigt bei im Traumaregister erfassten E-Scooter-Unfällen ein auffälliges Profil mit anteilig häufigeren traumatischen Hirn-, inneren Organ- und Gefäßverletzungen im Vergleich zu Motorrad- und Fahrradunfällen. Verletzungen der oberen Extremität waren in dieser Untersuchung dagegen nicht häufiger.
Für die Handrehabilitation liegt die Relevanz deshalb nicht in einem vermeintlich typischen „E-Scooter-Handverletzungsmuster“. Sie liegt vielmehr in der konsequenten, funktionsorientierten und interprofessionellen Rehabilitation von Menschen mit Verletzungen der oberen Extremität – insbesondere dann, wenn komplexe Begleitverletzungen den Verlauf mitbestimmen.
Quelle
Kungwengwe, Garikai; Gach, Michael W.; Gowda, Siri; Tandanu, Edelyne; Donnachie, Douglas; Menkin, Zakhar; Sandhar, Simarjit; Bodansky, David. E-scooter riders sustain more head and internal injuries than motorcyclists and cyclists in England and Wales. Scientific Reports, 2026, Band 16, Artikel 23470. DOI: https://doi.org/10.1038/s41598-026-59829-5




















