Griffkraft und Psyche – was wir aus Schizophrenie und Depression für die Handtherapie lernen können
AFH | Akademie für Handrehabilitation Was wir aus Schizophrenie und Depression für die Handtherapie lernen können
Griffkraft und Psyche
Griffkraft ist in der Handtherapie ein vertrauter Parameter:
Wir nutzen sie, um Verläufe zu dokumentieren, Ziele zu überprüfen oder Therapieerfolge sichtbar zu machen.
Eine aktuelle Research Letter in JAMA Psychiatry von von Känel und Kolleg:innen (2026) zeigt, dass Griffkraft weit mehr ist als ein rein körperlicher Messwert – sie spiegelt auch psychische Gesundheit, Motivation und psychomotorische Leistungsfähigkeit wider.
Die Autor:innen untersuchten, wie sich Griffkraft bei Schizophrenie, aktueller Depression, remittierter Depression und gesunden Kontrollen unterscheidet und wie sie mit Symptomen zusammenhängt.
Für die Handtherapie ist das eine hochrelevante Perspektive.
In die Auswertung flossen Daten von 533 Personen ein, gepoolt aus fünf Studien und zwei Zentren:
Schizophrenie: 175 Personen
Aktuelle Major Depression (cMDD): 79 Personen
Remittierte Major Depression (rMDD): 104 Personen
Gesunde Kontrollen (HC): 175 Personen
Das Durchschnittsalter lag je nach Gruppe zwischen rund 29 und 37 Jahren:
Schizophrenie: 37,1 Jahre (SD 12,6)
cMDD: 31,2 Jahre (SD 11,0)
rMDD: 29,1 Jahre (SD 9,4)
HC: 33,7 Jahre (SD 12,0)
Beim Geschlechterverhältnis zeigte sich ein leichter Frauenüberhang:
Schizophrenie: 52,6 % Männer, 47,4 % Frauen
cMDD: 32,9 % Männer, 67,1 % Frauen
rMDD: 35,6 % Männer, 64,4 % Frauen
HC: 44,0 % Männer, 56,0 % Frauen
Diagnosen basierten auf DSM‑5. Ausgeschlossen wurden u. a. traumatische Hirnverletzung, neurologische Erkrankungen und substanzbezogene Störungen (außer Nikotin).
In der Schizophreniegruppe wurden negative Symptome mit der Brief Negative Symptom Scale (BNSS) erhoben (mittlerer BNSS-Gesamtscore: 34,1; SD 16,0).
In den Depressionsgruppen und bei den Kontrollen wurden depressive Symptome mit der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) erhoben.
Die MADRS-Gesamtwerte lagen im Schnitt bei 27,7 (SD 8,5) in der aktuellen Depression, 5,9 (SD 5,5) in der remittierten Depression und 2,0 (SD 2,8) bei den Kontrollen.
Die Griffkraft wurde an der dominanten Hand mit einem elektronischen Dynamometer gemessen. Pro Person wurden drei Messungen durchgeführt und zu einem Mittelwert in Kilogramm zusammengefasst. In den Analysen wurden Alter und Geschlecht kontrolliert.
Griffkraft: klare Unterschiede zwischen den Gruppen
In der Gesamtstichprobe unterscheidet sich die Griffkraft signifikant zwischen den vier Gruppen (Gruppeneffekt: F₃ = 12,5; P < .001). Auch Alter (F₁ = 4,6; P < .05) und Geschlecht (F₁ = 309,8; P < .001) trugen erwartungsgemäß zur Varianz bei.
Die mittlere Griffkraft der dominanten Hand (alle Geschlechter zusammen) lag in den Gruppen bei:
Schizophrenie: 29,4 kg (SD 10,6)
Aktuelle Depression: 23,7 kg (SD 9,8)
Remittierte Depression: 24,5 kg (SD 10,5)
Gesunde Kontrollen: 30,7 kg (SD 12,1)
Die Kontrollen hatten damit im Schnitt rund 6–7 kg mehr Griffkraft als die Depressionsgruppen und gut 1–1,5 kg mehr als die Schizophreniegruppe.
Post-hoc-Tests zeigen:
Kontrollen vs. Schizophrenie: signifikant höhere Griffkraft bei Kontrollen (t₅₂₇ = 2,4; P = .02)
Kontrollen vs. aktuelle Depression: deutlicher Unterschied zugunsten der Kontrollen (t₅₂₇ = −4,9; P < .001)
Kontrollen vs. remittierte Depression: ebenfalls deutlich zugunsten der Kontrollen (t₅₂₇ = 5,2; P < .001)
Schizophrenie vs. aktuelle Depression: Schizophrenie mit höherer Griffkraft (t₅₂₇ = −2,9; P = .006)
Schizophrenie vs. remittierte Depression: ebenfalls Vorteil für Schizophrenie (t₅₂₇ = −2,9; P = .006)
aktuelle vs. remittierte Depression: kein signifikanter Unterschied (t₅₂₇ = −0,2; P = .80)
Interessant ist der Blick auf die Geschlechter. Männer hatten, wie zu erwarten, in allen Gruppen höhere Kraftwerte als Frauen, aber auch hier zeigen sich Abweichungen zwischen klinischen Gruppen und Kontrollen.
Sowohl bei Männern als auch bei Frauen zeigen sich also im Schnitt geringere Kraftwerte in den klinischen Gruppen im Vergleich zu den gesunden Kontrollen, besonders ausgeprägt bei den Depressionsgruppen.
| Männer: | Frauen: |
|---|---|
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Griffkraft, Negativsymptome und Motivation
Bei Schizophrenie fand sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen Griffkraft und Negativsymptomatik. Insgesamt korrelierte die Griffkraft negativ mit dem BNSS-Gesamtscore (ρ = −0,23; P = .01). Besonders betroffen waren die BNSS-Domänen Avolition, Affekt und Alogie, in denen alle Korrelationen bei ρ < −0,17 lagen (P jeweils < .03). Vereinfacht gesagt: Je stärker Antriebsmangel, Affektverflachung und Sprachverarmung ausgeprägt waren, desto geringer die gemessene Griffkraft.
Die Autor:innen interpretieren dies im Kontext von Störungen frontostriataler Netzwerke und dopaminerger Systeme, die Motivation und Motorik verknüpfen. Wenn die Umsetzung von „ich will“ zu „ich tue“ neurobiologisch gestört ist, spiegelt sich das offenbar auch in so einfachen Parametern wie der Griffkraft wider.
Auch bei Depressionen zeigen die Daten, dass reduzierte Griffkraft mit psychomotorischen Aspekten verknüpft ist. Besonders bemerkenswert ist, dass die Griffkraft in der remittierten Depression nicht wesentlich besser war als in der aktuellen Episode. Das spricht dafür, dass psychomotorische oder exekutive Defizite über die klinische Remission hinaus bestehen können.
Sex-spezifische Auswertungen deuten darauf hin, dass die Zusammenhänge zwischen Griffkraft und Symptombelastung vor allem bei Männern deutlich werden – sowohl in der Schizophrenie- als auch in der Depressionsgruppe. Bei Frauen fielen diese Korrelationen schwächer oder nicht signifikant aus. Das unterstreicht die Bedeutung von Geschlecht für die Interpretation von Leistungsdaten und möglichen Biomarkern.
Konsequenzen für die Handtherapie
Für Ergotherapeut:innen und Physiotherapeut:innen in der Handrehabilitation lassen sich aus dieser Arbeit mehrere praxisnahe Schlüsse ziehen:
1. Griffkraft ist mehr als Muskelkraft.
Auffällig niedrige Werte, die sich nicht durch periphere Faktoren wie Schmerz, Gelenkstatus oder Immobilisation erklären lassen, können auf psychomotorische Verlangsamung, fehlenden Antrieb oder starke Negativsymptomatik hindeuten – besonders bei Patient:innen mit bekannter Schizophrenie oder Depressionsvorgeschichte.
2. Remission bedeutet nicht „zurück auf Null“.
Dass aktuelle und remittierte Depression ähnliche Griffkraftwerte zeigen (23,7 vs. 24,5 kg im Schnitt), erinnert daran, dass auch nach symptomatischer Besserung noch Leistungsdefizite bestehen können.
Beim Belastungsaufbau, bei der Rückkehr in den Beruf und bei der Einschätzung von Alltagstätigkeiten sollten diese Restdefizite berücksichtigt werden.
3. Griffkraft als psychomotorischer Verlaufsparameter.
Unter stabilen körperlichen Bedingungen können Veränderungen der Griffkraft auch auf Veränderungen der psychischen Verfassung hindeuten – im Positiven wie im Negativen.
In interdisziplinären Teams kann diese Information helfen, psychische Risiken frühzeitig zu erkennen und ggf. zu reagieren.
4. Motorik und Motivation gemeinsam trainieren.
Ein reines „mehr drücken“ reicht bei psychischen Komorbiditäten nicht.
Effektiver sind alltagsnahe, bedeutungsvolle Greifaufgaben, die Erfolgserlebnisse ermöglichen, Motivation ansprechen und gleichzeitig kräftigend wirken.
Kleine, gut erreichbare Zwischenziele und positives Feedback helfen insbesondere bei Antriebsmangel und Negativsymptomen.
Fazit
Die Studie von von Känel et al. zeigt anhand von 533 Personen, dass reduzierte Griffkraft in Schizophrenie, aktueller und remittierter Depression kein zufälliges Randphänomen ist, sondern einen transdiagnostischen Mechanismus abbildet: Störungen in Motorik, sensorischer Integration und Motivation.
Die Unterschiede sind deutlich messbar – bei Männern und Frauen, bei akuter wie remittierter Symptomatik.
Für die Handtherapie bedeutet das: Griffkraft ist ein einfacher, aber vielschichtiger Messwert.
Wer ihn nicht nur als Muskelparameter, sondern auch als Ausdruck psychomotorischer und motivationaler Ressourcen versteht, kann Befunde differenzierter interpretieren, psychische Aspekte frühzeitig erkennen und Therapieplanung, Belastungsaufbau und Zielsetzung entsprechend anpassen – idealerweise im engen Zusammenspiel mit den beteiligten medizinischen und psychologischen Fachdisziplinen.
Quelle:
von Känel S, Pavlidou A, Nadesalingam N, et al. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published online March 18, 2026. doi:10.1001/jamapsychiatry.2026.0144














