DGH & DAHTH Kongress 2026: Rückblick & Handtherapie-Trends
Melanie Musekamp Wissen aus erster Hand: Rückblick auf den DGH- und DAHTH-Kongress 2026 in Bremen
Die funktionelle Wiederherstellung der Hand nach komplexen Verletzungen oder degenerativen Veränderungen gelingt dann am besten, wenn operatives Handwerk und evidenzbasierte Nachbehandlung nahtlos ineinandergreifen.
Vom 8. bis zum 10. Oktober 2026 versammelte der gemeinsame Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie (DGH) und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Handtherapie (DAHTH) in Bremen 824 Fachleute – darunter 501 Handchirurginnen und Handchirurgen sowie 323 Handtherapeutinnen und Handtherapeuten.
Unter dem Leitmotiv „Wissen aus erster Hand“ bot die Tagung eine ideale Plattform, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskutieren und direkte Konsequenzen für Praxis und Lehre abzuleiten.
Als Dozentin der Akademie für Handrehabilitation (AFH) war ich vor Ort, um aktuelle Entwicklungen aufzugreifen und zu prüfen, wie sich neue Leitgedanken und handwerkliche Kniffe in unsere modularen Ausbildungsreihen integrieren lassen. Die Präsenz der British Society for Surgery of the Hand (BSSH) als internationale Gastgesellschaft schärfte zusätzlich den Blick über den nationalen Tellerrand.
Fachlicher Diskurs und internationale Impulse
Das thematische Spektrum der Bremer Tagung reichte von der Akutversorgung komplexer Amputationsverletzungen und modernen Myoprothesen über zeitgemäße Frakturbehandlungen bis hin zu den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz in der klinischen Befunderhebung. Der direkte Dialog mit den britischen Kolleginnen und Kollegen der BSSH verdeutlichte, dass standardisierte Outcome-Messungen und interdisziplinäre Behandlungspfade international an Bedeutung gewinnen.
Gerade in der Handrehabilitation entscheidet das Verständnis für gewebsbiologische Heilungsphasen über den Therapieerfolg. Wenn Operierende und Therapierende eine gemeinsame Fachsprache sprechen, verringern sich postoperative Komplikationsraten wie sekundäre Sehnenscheidenverklebungen, Kapselschrumpfungen oder chronische Schmerzsyndrome messbar.
Von der Theorie in die Praxis: Gezielte Interventionen
Kongresse entfalten ihren größten Wert dort, wo theoretische Konzepte in handlungssichere therapeutische Fertigkeiten übergehen. Das diesjährige Workshop-Angebot spiegelte die ganze Bandbreite unseres Fachgebiets wider: von manuellen Techniken bei der Rhizarthrose über differenzierte Narbentherapien bis hin zu modernen Schienenkonzepten. Zwei Schwerpunkte habe ich für Sie vertieft besucht.
Neurokognitive Rehabilitation nach Perfetti bei Handverletzungen
Die neurokognitive Rehabilitation nach Carlo Perfetti betrachtet Bewegung nicht als isolierte Muskelkontraktion, sondern als Erkenntnisprozess des zentralen Nervensystems. Im Workshop lag der Fokus auf der gezielten Aktivierung kortikaler Reorganisationsprozesse nach schweren Hand- und Fingerfrakturen sowie Amputationen.
In der Praxis bedeutet dies: Die Wiedererlangung motorischer Kontrolle erfordert strukturierte Wahrnehmungsaufgaben, bei denen Patientinnen und Patienten taktile, kinästhetische und räumliche Qualitäten vergleichen. Anhand konkreter Übungssequenzen wurde demonstriert, wie sich propriozeptive Reize dosiert einsetzen lassen, um maladaptive Kompensationsmechanismen zu hemmen. Für die Handtherapie bietet dieser Ansatz eine wertvolle Ergänzung zur klassischen funktionellen Bewegungstherapie, insbesondere wenn Schmerzverarbeitungsmuster und sensorische Defizite den Heilungsverlauf limitieren.
Schienenversorgung bei Mittelhand- und Grundgliedfrakturen
Ein weiterer praxisnaher Schwerpunkt lag auf der Schienenversorgung von Frakturen der Ossa metacarpalia und Phalangen proximales. Eine adäquate Ruhigstellung muss stets die intrinsische Biomechanik der Hand respektieren, um Kontrakturen der Kollateralbänder zu vermeiden.
Im Rahmen der praktischen Werkstattphase wurden unter anderem zwei Versorgungen angefertigt: eine radialumgreifende Mittelhandbrace sowie eine ulnarumgreifende Lagerungsschiene in maximaler Flexion der Metakarpophalangealgelenke (Intrinsic-Plus-Stellung). Die Arbeit am thermoplastischen Material zeigte einmal mehr: Passgenauigkeit, gezielter Kraftvektor und sauber verarbeitete Kanten sind entscheidend für die Compliance der Betroffenen und die Stabilität des frakturierten Segments. Ein fundiertes Materialverständnis bildet hier die zwingende Basis therapeutischer Qualität.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Fundament
Eine operative Osteosynthese sichert die anatomische Ausrichtung; die Funktionsfähigkeit im Alltag entsteht jedoch in der konsequenten, strukturierten Nachbehandlung. Der DGH- und DAHTH-Kongress 2026 hat erneut unterstrichen, dass der therapeutische Erfolg auf einem kontinuierlichen Informationsfluss zwischen Klinik, Praxis und Bildungsstätten ruht.
Nur wenn Therapeutinnen und Therapeuten die exakte biomechanische Belastungsstabilität eines Eingriffs kennen und Handchirurginnen sowie Handchirurgen um die Differenziertheit moderner ergotherapeutischer Schienen- und Mobilisationstechniken wissen, schöpfen wir das Rehabilitationspotenzial unserer Patientinnen und Patienten vollständig aus.
Fazit für Praxis und Fortbildung
Drei intensive Tage in Bremen haben wichtige Impulse geliefert. Die Kombination aus fundierten Fachvorträgen, intensivem handwerklichem Training und interkollegialem Austausch bestärkt uns darin, unser curriculares Angebot an der Akademie für Handrehabilitation kontinuierlich auf Basis aktueller Evidenz und chirurgischer Standards weiterzuentwickeln.
Ich freue mich darauf, die neuen Ansätze zur neurokognitiven Schmerzedukation und zu biomechanisch optimierten Schienenmodellen direkt in die kommenden Fortbildungsmodule einzubringen.
Autorin: Melanie Musekamp, Ergotherapeutin und Dozentin der Akademie für Handrehabilitation (AFH)
