ScarWork: Narbenbehandlung nach Sharon Wheeler
Der Fachartikel „ScarWork nach Sharon Wheeler“ beschreibt die sanfte und schmerzfreie Behandlungsmethode ScarWork, die Narbengewebe wieder in das fasziale System des Körpers integriert. Ziel ist die Verbesserung von Beweglichkeit, Funktion und Sensibilität, ohne das Gewebe zu reizen oder Schmerzen zu verursachen.
Ein Beitrag von Hans-Ulrich Straub, erschienen im DAHTH Jahrgang Heft 12/2022.
Worum geht es in diesem Fachartikel
Der Fachartikel „ScarWork nach Sharon Wheeler“ von Hans-Ulrich Straub stellt eine narbentherapeutische Methode vor, die in der Handtherapie als ergänzender Ansatz eingesetzt werden kann – vor allem dann, wenn Narben nicht nur „optisch“ auffallen, sondern Funktion, Sensibilität und Bewegungsqualität spürbar beeinträchtigen. Im Zentrum steht die Frage, ob ScarWork durch seine konsequent schmerzfreie Vorgehensweise die Arbeit von Handtherapeut:innen verbessern kann. Der Autor führt dazu in die Grundlagen der Narbenentstehung ein, beschreibt das Vorgehen und ordnet die Methode in den klinischen Kontext ein, inklusive erster Hinweise auf wissenschaftliche Beobachtungen.
Ausgangspunkt ist die therapeutische Erfahrung, dass Narben häufig weitreichender wirken, als Patient:innen zunächst annehmen. Narben können die Gleitfähigkeit zwischen Gewebsschichten reduzieren, Spannungsverhältnisse verändern und dadurch Bewegungen „unrund“ machen. Besonders relevant ist das dort, wo Narbe, Faszie, Sehnen- oder Muskelgleitgewebe eng zusammenarbeiten: Einschränkungen entstehen dann nicht nur lokal, sondern können über kompensatorische Muster in benachbarten Regionen Beschwerden mit auslösen oder verstärken. Straub beschreibt Narben daher als mögliche Quelle für Verklebungen, Verhärtungen, Einziehungen, Sensibilitätsstörungen und funktionelle Kettenreaktionen – ein Gedanke, der sich in faszial orientierten Modellen (Stichwort biotensegritaler Körper) wiederfindet.
Damit klar wird, „wo“ ScarWork ansetzt, erläutert der Artikel die Wundheilung und Narbenbildung in mehreren Phasen. Direkt nach einer Verletzung steht eine Entzündungs- und Reinigungsphase im Vordergrund (Blutstillung, Immunreaktionen, Ödem). Danach folgt die Aufbauphase, in der Fibroblasten und Kollagen (zunächst vor allem Kollagen Typ III) die Struktur des neuen Gewebes bilden. In der anschließenden Remodellierungsphase wird das Gewebe über lange Zeit umgebaut und stabilisiert (u. a. Übergang zu Kollagen Typ I). Der Text betont, dass dieser Prozess lange dauern kann und dass sowohl innere Faktoren (z. B. Alter, allgemeine Gesundheit, Ernährung, Mobilität) als auch äußere Faktoren (z. B. Wundmanagement, Hygiene, Lagerung, Medikamente) die Qualität des Narbengewebes beeinflussen.
Problematisch wird Narbengewebe laut Artikel vor allem dann, wenn Heilungsbedingungen ungünstig sind oder mechanische Einflüsse die Reifung stören: Übermäßiger Zug/Druck, zu lange Immobilisation (mit starker Quervernetzung der Fasern), gestörter Lymphabfluss, Hämatome, Infektionen, Nekrosen oder suboptimale Gewebsschicht-Rekonstruktionen nach OP können dazu beitragen, dass Narben rau, unelastisch und schlecht verschieblich werden. Genau solche Merkmale stehen später oft im Zusammenhang mit Bewegungseinschränkungen oder anhaltenden Beschwerden und sind daher therapeutisch relevant.
ScarWork (entwickelt von Sharon Wheeler, aus der strukturell-faszialen Tradition kommend) wird im Artikel als Methode beschrieben, die nicht nach einem starren Standardprotokoll funktioniert, sondern stark gewebebasiert und individualisiert arbeitet: Die Therapeutin/der Therapeut „liest“ die Narbe und ihre Umgebung mit den Händen und wählt Techniken danach aus, wo sich die größten Widerstände, Verklebungen oder Schichtverschiebungen zeigen. Ziele sind vor allem: die Oberflächenrauigkeit zu reduzieren, Adhäsionen zwischen Schichten zu lösen, verhärtete Bereiche zu modulieren und Gewebe, das „falsch“ miteinander verbunden ist, in eine funktionellere Beziehung zurückzuführen – damit die Narbe besser in das umliegende Faszien- und Bewegungsnetz integriert werden kann.
Ein Schwerpunkt ist der Befund: Straub empfiehlt, die Entstehungsgeschichte der Narbe möglichst genau zu erfassen (inklusive OP-Verlauf, sofern verfügbar), Ziele und Kontraindikationen zu klären und Funktion/Beweglichkeit/Sensibilität vorab zu dokumentieren. Wichtig ist auch die wiederholte Re-Evaluation: ScarWork soll nicht „blind“ angewandt werden, sondern Effekte sollen unmittelbar überprüft werden – lokal (z. B. Verschiebbarkeit, Spannung, Schmerzfreiheit) und global (z. B. Bewegungsqualität, Haltung, Kettenreaktionen). Zusätzlich wird angeregt, Patient:innen die Narbe aktiv wahrnehmen zu lassen (sehen, tasten, Veränderungen vergleichen), um Körperwahrnehmung und Selbstwirksamkeit zu unterstützen.
Die Arbeitsprinzipien sind klar: Erstens absolute Schmerzfreiheit. ScarWork soll so sanft sein, dass Schmerz als Warnsignal gilt und die Technik angepasst werden muss. Zweitens das Vorgehen „von oberflächlich nach tief“: Erst wird an leichter zugänglichen Schichten gearbeitet, bevor tiefer adressiert wird. Drittens das Prinzip, am „größten Widerstand“ zu arbeiten – also dort und in jener Richtung, in der die Gewebespannung oder Unregelmäßigkeit am deutlichsten ist. Viertens spielt Bracing (Stabilisieren/Fixieren mit der zweiten Hand) eine zentrale Rolle: Durch das gezielte Stabilisieren kann eine bestimmte Schicht oder Gewebekante präziser beeinflusst werden. Ergänzend werden Konzepte wie Press and Reset beschrieben, also wiederholtes sanftes Komprimieren und Entlasten, um „klumpige“ oder zähe Bereiche zu verändern, ohne aggressiv zu reiben oder zu „zerziehen“.
Der Artikel nennt außerdem beispielhaft mehrere konkrete Techniken (insgesamt existiere ein größerer Technikpool), darunter sehr leichte, flächige Streichungen („Featherlight Sweeping“) zur Arbeit an oberflächlichen Restriktionen, „Scraping“ als strukturiertere Arbeit entlang/quer zur Narbe, sowie dreidimensional-komprimierende Verfahren wie The Cat. Weitere Techniken zielen darauf ab, Gewebsschichten beidseits der Narbe wieder besser „zueinander passend“ zu organisieren („Matching Layers“) oder sehr harte Areale über langsam-gleichmäßige Roll-/Druckbewegungen zu beeinflussen („Cartilage“).
Zu Indikationen und Kontraindikationen ordnet Straub ein: Grundsätzlich können Narben unterschiedlichen Alters behandelt werden, direkt an der Narbe jedoch nur, wenn sie geschlossen, nicht entzündet/nässend und nicht geschwollen ist. Falls das nicht gegeben ist, kann in Distanz gearbeitet werden. Bei bestimmten Operationssituationen (z. B. implantierten Netzen) und bei ausgeprägten hypertrophen Narben/Keloiden ist besondere Vorsicht bzw. das Vermeiden reibender Techniken wichtig; insgesamt gelten die gängigen Kontraindikationen der Narbenbehandlung. Auch zur Dosierung gibt es einen praxisnahen Hinweis: Weil ScarWork nachhaltige Veränderungen im Spannungs- und Bewegungsverhalten anstoßen kann, sollten Patient:innen ausreichend Zeit zur Anpassung bekommen; nach intensiveren Sitzungen wird ein größerer Abstand zwischen Terminen empfohlen.
Abschließend ordnet der Artikel den Evidenzstand vorsichtig ein. Es werden erste Beobachtungen und Annäherungen an wissenschaftliche Dokumentation (u. a. bildgebende Vorher-Nachher-Darstellungen) erwähnt, zugleich bleibt die Botschaft: ScarWork wirkt als plausibler, klinisch gut integrierbarer Ansatz – gerade wegen der Schmerzfreiheit und der faszial orientierten Logik –, sollte aber als Ergänzung verstanden und weiter systematisch untersucht werden. Insgesamt entsteht das Bild einer Methode, die vor allem dort Potenzial hat, wo Narben die Funktion stören, klassische Maßnahmen nur begrenzt greifen oder ein besonders gewebeschonendes Vorgehen gefragt ist.
