Anatomie in Vivo der palmaren Handgelenksfläche
Ein Beitrag von Rainer Zumhasch, erschienen in "praxis ergotherapie", Ausgabe 04/2003, der Fachzeitschrift des "verlag modernes lernen Borgmann".
Was bedeutet Anatomie in Vivo?
Anatomie in Vivo beschreibt das Ertasten und Erkennen von sichtbaren und nicht sichtbaren Strukturen am lebenden Körper. Ziel ist, theoretische Anatomie so auf den Menschen zu übertragen, dass funktionelle Zusammenhänge verständlich werden und sich Diagnostik sowie Therapie präziser ableiten lassen. Da nicht jede Struktur direkt zu tasten ist, braucht es eine solide Orientierung über Lage, Verlauf und Beziehung der Gewebe. Erst dann kann aus dem, was palpatorisch auffällig ist, eine sinnvolle Interpretation entstehen – auch im Sinne von Ursache-Wirkung-Ketten, die über den untersuchten Bereich hinausgehen können.
Palpation: Vorgehensweise und Dosierung
Für die Palpation wird vor allem der Zeigefinger (seltener der Daumen) genutzt, da diese Finger besonders viele Tastrezeptoren besitzen. Entscheidend ist eine feine Druckdosierung: Der Druck soll so gering sein, dass die Nägel ihre helle Färbung behalten. Zu starker Druck verschlechtert die Wahrnehmung – man „spürt“ dann eher die eigene Spannung als die Struktur unter dem Finger. Diese Fähigkeit ist erlernbar, benötigt jedoch Übung und Zeit. Genau diese Sensibilität bildet die Basis vieler manualtherapeutischer Vorgehensweisen und unterstützt eine sichere, patientenorientierte Behandlung.
Palpierbare Leitstrukturen an der palmaren Handgelenksfläche
Als zentrale Orientierungspunkte nennt der Artikel knöcherne Landmarken, Sehnen und bindegewebige Strukturen. Palpierbar sind unter anderem das Os pisiforme (gut im Zangengriff bei leichter palmarer Flexion), das Os scaphoideum auf der radialen Seite, Sehnenzüge wie der M. flexor carpi radialis und der M. flexor carpi ulnaris, häufig auch der M. palmaris longus (wenn anatomisch vorhanden), sowie die Palmaraponeurose. Zusätzlich lassen sich aus diesen tastbaren Punkten weitere Strukturen räumlich ableiten, etwa andere Handwurzelknochen oder der Verlauf wichtiger Leitungsbahnen.
Praktisch bedeutet das: Wer die Landmarken sicher findet, kann die Lage von tieferen Elementen plausibel erschließen – selbst wenn diese nicht direkt palpierbar sind. Das verbessert die klinische Einordnung von Beschwerden, z. B. bei Reizzuständen, Kompressionsproblemen oder funktionellen Überlastungen.
Canalis carpi: Orientierung und Bedeutung
Der Canalis carpi wird im Artikel als Basis der palmaren Handgelenksregion beschrieben. Er entsteht durch die Handwurzelknochen und wird oberflächlich durch das Retinaculum flexorum überdacht. Durch diesen Kanal ziehen funktionell zentrale Beugesehnen sowie Leitstrukturen, die klinisch besonders relevant sind. Für die Palpation ist wichtig: Nicht alle Weichteile im Kanal sind von palmar direkt tastbar – umso bedeutsamer sind die knöchernen Orientierungspunkte und die Fähigkeit, Strukturen über ihre Nachbarschaft „mitzudenken“.
Ein anschauliches Beispiel liefert die Beschreibung der radialen Seite: Oberhalb des tastbaren scaphoidalen Tuberkels verläuft der Sehnenzug des Flexor carpi radialis; parallel dazu liegt die A. radialis, was die Pulsauffindung erleichtert. Auf der ulnaren Seite wird der Flexor carpi ulnaris als gut sichtbar und tastbar bei isometrischer Anspannung beschrieben; daneben verläuft der N. ulnaris. Zwischen ulnaren Knochenanteilen wird zudem die Region der Guyon-Loge als sensibler Bereich erwähnt, der bei anhaltendem Abstützen irritiert werden kann.
Nerven, Gefäße und klinische Relevanz
Ein Schwerpunkt liegt auf der Relevanz von Nerven- und Gefäßverläufen für Befund und Therapie. Der N. medianus tritt in den carpalnahen Bereich ein und kann bei Raumenge im Kanal symptomatisch werden. Der Artikel stellt den Zusammenhang her, dass ein großer Anteil von Karpaltunnelproblemen mit Sehnenscheidenveränderungen verknüpft sein kann und dass die daraus resultierende Schwellung den Raum zum Retinaculum hin verengt. Ergänzend werden vegetative Einflüsse und Belastungsfaktoren als mitbeteiligte Komponenten beschrieben, wodurch palpatorische Befunde nicht nur lokal, sondern auch funktionell interpretiert werden sollen.
Psychovegetative Wirkung von Berührung
Neben der anatomischen Orientierung betont der Artikel die Bedeutung der Berührung als therapeutisches Wirkprinzip. Feinfühliges Vorgehen kann Vertrauen fördern, Ängste reduzieren und die Grundlage für einen besseren Behandlungsverlauf schaffen. Berührung wird dabei nicht nur als „technischer“ Kontakt verstanden, sondern auch als Teil der zwischenmenschlichen Interaktion – mit Einfluss auf psychovegetative Prozesse. In diesem Kontext wird unterschieden zwischen prozeduraler Berührung (zur strukturellen Erkundung) und expressiver Berührung (als Ausdruck von Nähe/Beziehung). Die Qualität des Kontakts wird als mitentscheidend für die therapeutische Wirkung beschrieben.
Kernaussagen für die Praxis
Die „Anatomie in Vivo“ verbindet Anatomiewissen mit palpatorischer Fertigkeit: Landmarken sicher finden, Druck dosieren, Strukturen räumlich ableiten und Befunde in funktionelle Zusammenhänge einordnen. Für die Arbeit an der palmaren Handgelenksfläche heißt das: knöcherne Orientierungspunkte nutzen, Sehnenzüge differenzieren, Leitungsbahnen respektieren und die Qualität der Berührung als Bestandteil von Diagnostik und Therapie verstehen.
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