Psychosoziales Screening in der Handtherapie: der fehlende Baustein
Psychosoziales Screening in der Handtherapie – Mehr als Biomechanik
AFH | Akademie für Handrehabilitation Psychosoziales Screening in der Handtherapie - Warum psychosoziale Faktoren therapeutische Ergebnisse beeinflussen
Psychosoziales Screening in der Handtherapie – Mehr als Biomechanik
Der Artikel startet mit einer typischen Situation aus der Praxis:
Frau M. stürzt mit dem Fahrrad, erleidet eine distale Radiusfraktur und wird operiert. Einige Wochen später kommt sie in die Therapie – der Bruch sieht radiologisch unauffällig aus, aber sie hat weiterhin starke Schmerzen und eine massiv eingeschränkte Beweglichkeit.
Genau dieser Widerspruch ist der Aufhänger für den Perspektivwechsel:
Handtherapie bleibt oft erstaunlich „biomechanisch“, obwohl gerade in der Ergotherapie sonst körperliche, psychische und soziale Faktoren selbstverständlich zusammengedacht werden.
Der Autor macht deutlich, warum das problematisch ist. Verletzungen und Erkrankungen von Hand und Arm betreffen häufig nicht nur Strukturen, sondern haben spürbare psychosoziale Folgen. Angst, depressive Verstimmungen oder sogar posttraumatische Symptome können nach Verletzungen auftreten, und anhaltende Schmerzen sind ebenfalls keine Seltenheit.
Dazu kommen ganz praktische und identitätsnahe Themen:
Rollen in Familie und Beruf verändern sich, Zukunftssorgen tauchen auf, und das Gefühl von Selbstwirksamkeit kann deutlich sinken. Wer nur Beweglichkeit, Kraft und Tests betrachtet, übersieht damit oft zentrale „Treiber“ für den Verlauf.
Ein Kernpunkt des Artikels ist: Psychosoziales Screening bedeutet nicht Diagnostik. Es soll nicht psychische Erkrankungen feststellen, sondern frühzeitig Hinweise liefern, ob psychosoziale Belastungen den Rehaprozess beeinflussen – bildlich gesprochen ein „Aussieben“, damit klar wird, wo genauer hingeschaut werden sollte.
Der Autor beschreibt, dass Belastungen sich häufig indirekt zeigen: etwa durch anhaltende oder wechselnde Schmerzen, auffällige Schon- und Bewegungsmuster oder auch durch Sprache und Verhalten, wenn Betroffene die Hand wie „einen fremden Gegenstand“ behandeln oder von ihr sprechen, als wäre sie vom eigenen Körper getrennt („Die Hand hat das Problem“).
Für die praktische Umsetzung stellt der Artikel mehrere Möglichkeiten vor. Zum Einstieg eignen sich kurze, multidimensionale Fragebögen, die mehrere psychosoziale Aspekte gleichzeitig abdecken und als strukturierte Grundlage für das Gespräch dienen. Genannt werden Instrumente wie STarT-MSK-G und der Örebro-Fragebogen (ÖMPSQ); außerdem wird OSPRO-YF erwähnt, das allerdings noch nicht auf Deutsch verfügbar ist.
Wenn standardisierte Tools nicht passen oder nicht alles abdecken, empfiehlt der Autor zusätzlich pragmatische Leitfragen – entscheidend sei weniger das „perfekte Instrument“, sondern ein offenes, sicheres Gesprächsklima und ein gemeinsames Festlegen der nächsten Schritte im Sinn von Shared Decision Making.
Spannend ist auch, warum Screening trotzdem selten genutzt wird. Der Artikel nennt fehlende Vertrautheit mit Instrumenten, Zeitdruck und fehlende Praxisstrukturen – aber auch Unsicherheiten:
Was mache ich mit Antworten zu depressiver Stimmung oder Überforderung? Viele Therapeutinnen haben Sorge, Themen anzustoßen, für die sie sich nicht zuständig fühlen, oder im Austausch mit Ärztinnen „nicht professionell genug“ zu wirken.
Der Autor dreht das um:
Screening soll entlasten, nicht überfordern. Es öffnet Türen, macht Therapie realistischer planbar und schafft früh Anknüpfungspunkte, ohne dass Therapeut*innen „alles lösen“ müssen.
Damit das in den Alltag passt, betont der Artikel die Integration in bestehende Abläufe. Ideal sei ein vorgelagertes Vorgehen, etwa ein Anamnesebogen vor dem Ersttermin. Als praxistaugliches Beispiel wird der kostenlose Anamnesebogen von DIGOTOR genannt, der sich am „Pain and Disability Driver Model“ orientiert und damit biopsychosoziale Einflussfaktoren im Sinne der ICF strukturiert erfasst. Wichtig seien außerdem Team-Absprachen, Schulungen zur Gesprächsführung, Transparenz gegenüber Klient*innen („Warum fragen wir das?“) und regelmäßige Reflexion, ob Screening tatsächlich zu anderen Entscheidungen und Schwerpunkten führt.
Konsequent wird es dort, wo der Autor beschreibt, wie aus Screening konkrete Handlungswege werden. Er stellt ein Modell mit vier möglichen Pfaden vor:
Wenn psychosoziale Faktoren gering ausgeprägt sind, reicht meist Standard-Handtherapie mit Beobachtung. Bei moderaten Belastungen empfiehlt er „psychologisch informierte Handtherapie“, also Edukation und verhaltensorientierte Strategien, die z. B. Stress-Schmerz-Zusammenhänge erklären und positive Bewegungserfahrungen fördern. Bei deutlichen Hinweisen auf psychische Störungen sollte zusätzlich interprofessionell gearbeitet und verwiesen werden, während bei akuter Gefährdung eine sofortige Krisenweiterleitung notwendig ist.
Am Ende schließt sich der Kreis zu Frau M.:
Durch gezielte Fragen werden Schlafprobleme, familiäre Sorgen und Bewegungsangst sichtbar. Die Therapie fokussiert dann nicht mehr nur auf Beweglichkeit als Hauptziel, sondern auf Angstabbau, Edukation und den schrittweisen Wiedereinstieg in alltagsnahe Betätigungen wie Kochen oder Radfahren. Die Botschaft des Artikels ist klar: Psychosoziales Screening liefert nicht nur Daten, sondern erweitert den Handlungsspielraum – weg vom reinen Befund, hin zum Menschen und seiner Lebenswelt.
Über den Autor:
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Maximilian Weidauer
Er ist staatlich anerkannter Physiotherapeut (BSc 2025), arbeitet seit 2023 bei Hand-Aktiv in Leipzig und ist seit 2016 Dozent für Manuelle Therapie (u. a. mit DIGOTOR).
Seine Schwerpunkte sind muskuloskelettale Beschwerden, Clinical Reasoning und Schmerzmanagement; aktuell absolviert er ein Masterstudium in Gesundheits- und Pflegewissenschaften.
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