Wenn Hände aus der Reihe tanzen: Polydaktylie verstehen und therapeutisch begleiten
AFH | Akademie für Handrehabilitation Polydaktylie verstehen und therapeutisch begleiten: Wenn Hände aus der Reihe tanzen
Wenn Hände aus der Reihe tanzen: Polydaktylie verstehen und therapeutisch begleiten
In unserer täglichen Arbeit als Handtherapeuten begegnen uns kongenitale Fehlbildungen der oberen Extremität seltener als traumatische Verletzungen. Dennoch erfordern sie ein tiefgehendes Verständnis der Anatomie, Biomechanik und der kindlichen Entwicklung. Eine der am häufigsten auftretenden angeborenen Besonderheiten der Hand ist die Polydaktylie (überzählige Glieder oder Finger).
Die American Society for Surgery of the Hand (ASSH) fasst in ihrem Fachportal Handthology die wichtigsten medizinischen Grundlagen, Klassifikationssysteme und Behandlungsrichtlinien präzise zusammen. Für uns als Therapeuten ist dieses Wissen essenziell, um betroffene Familien kompetent zu begleiten und die postoperative Rehabilitation optimal zu gestalten.
Ein Blick auf die Zahlen und Formen
Mit einer Häufigkeit von rund 23,4 Fällen pro 10.000 Lebendgeburten ist die Polydaktylie alles andere als eine absolute Seltenheit .
Manchmal ist der zusätzliche Finger nur ein winziges, weiches Hautanhängsel ohne Knochen (ein sogenannter „Nubbin“), in anderen Fällen ist er voll funktionsfähig und knöchern perfekt ausgebildet .
Je nachdem, wo der zusätzliche Finger wächst, unterscheidet die Medizin drei Formen:
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Präaxiale (radiale) Polydaktylie
Hier ist der Daumen doppelt angelegt . Diese Form sehen wir besonders häufig bei asiatischen und kaukasischen Kindern .
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Postaxiale (ulnare) Polydaktylie
Die Verdopplung betrifft den kleinen Finger . Sie tritt überproportional häufig bei Kindern afrikanischer Abstammung auf, wird dort meist autosomal-dominant vererbt und ist oft ein isoliertes, harmloses Merkmal .
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Zentrale Polydaktylie
Der zusätzliche Finger liegt in der Mitte der Hand (Zeige-, Mittel- oder Ringfinger) – diese Form ist selten und fast immer mit einer Syndaktylie, also einer Verwachsung der Nachbarfinger, verbunden .
Die Klassifikationen, die wir kennen sollten
Um den Befund auf Rezepten oder in Arztberichten richtig zu deuten, helfen uns zwei gängige Klassifikationssysteme .
Die Daumenverdopplung nach Wassel-Flatt
Weil der Daumen für unsere Handfunktion so unglaublich wichtig ist, wird seine Verdopplung sehr genau unterteilt .
Die Wassel-Flatt-Klassifikation unterscheidet sieben Typen, je nachdem, auf welcher Höhe die Knochenteilung stattfindet :
| Typ | Definition |
|---|---|
| Typ I & II | Nur das Endglied (Distalphalanx) ist gespalten oder verdoppelt . |
| Typ III & IV | Die Teilung betrifft das Grundglied (Proximalphalanx) . |
| Typ V & VI | Die Spaltung reicht bis in den Mittelhandknochen (Metakarpale I) hinein . |
| Typ VII | Ein sogenannter dreigliedriger Daumen (Triphalangealismus) in Kombination mit einer Verdopplung . |
Der kleine Finger nach Stelling-Turek
Bei der ulnaren Polydaktylie nutzen Chirurgen meist die Einteilung nach Stelling und Turek :
| Typ | Definition |
|---|---|
| Typ I | Ein reines Weichteilanhängsel, das oft nur an einem dünnen Gewebestiel hängt . |
| Typ II | Ein gut entwickelter Finger mit eigenen Knochen und Gelenken, der am fünften Mittelhandknochen ansetzt. |
| Typ III | Eine komplette Verdopplung inklusive eines eigenen, zusätzlichen Mittelhandknochens. |
Chirurgie ist hier Präzisionsarbeit
Ein überzähliger Daumen wird nicht einfach „amputiert“. Da der Daumen rund 40 % unserer gesamten Handfunktion ausmacht, geht es bei der Operation um jeden Millimeter . Das Ziel ist ein stabiler, beweglicher Daumen, der dem Zeigefinger sauber gegenübergestellt werden kann .
Häufig müssen die Chirurgen Sehnen umleiten (etwa den M. abductor pollicis brevis), Bänder rekonstruieren und Knochen begradigen (Osteotomien).
Der beste Zeitpunkt für diesen Eingriff liegt meist im Alter zwischen 12 und 18 Monaten.
In diesem Alter sind die winzigen Strukturen im OP gut darstellbar, und das Kind hat noch genügend Zeit, die neue Handanatomie rechtzeitig vor den großen motorischen Entwicklungsschritten in sein Gehirn einzubinden.
Unser Job: Die postoperative Handtherapie
Nach der Operation kommen die Familien zu uns in die Praxis. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn unsere kleinen Patienten verstehen natürlich noch nicht, warum sie bestimmte Übungen machen sollen.
| Schienenversorgung mit Köpfchen | Nach der ersten Gipsruhigstellung fertigen wir oft zierliche, thermoplastische Lagerungsschienen an. Sie schützen die frisch rekonstruierten Bänder und verhindern, dass der Daumen in eine Fehlstellung abweicht. |
| Narbentherapie ohne Schmerzen | Damit die feinen Sehnen später reibungslos gleiten können, müssen wir die Narbe geschmeidig halten. Sanfte Ausstreichungen, spielerisches Eincremen und der Einsatz von weichen Silikonpads verhindern feste Verklebungen mit dem Untergewebe. |
| Sensibilität spielerisch wecken | Nach einer OP kann die Haut überempfindlich sein oder sich taub anfühlen. Mit verschiedenen Materialien (Samenbäder, Bürstchen, weiche Stoffe) desensibilisieren wir die Narbenregion und fördern die sensorische Wahrnehmung. |
| Funktionelles Greiftraining | Wir packen die Therapie in Spiele. Ob Knete kneten, dicke Perlen stecken oder gezielte Greifspiele – alles, was die Opposition des Daumens und die Kraft der kleinen Handmuskeln fordert, hilft dem Kind, seine „neue“ Hand im Alltag ganz selbstverständlich einzusetzen. |
Fazit für die Praxis
Die Therapie nach einer Polydaktylie-Korrektur zeigt uns mal wieder, wie wichtig die enge Verzahnung von Handchirurgie, engagierten Eltern und uns Therapeuten ist . Mit dem richtigen anatomischen Wissen im Hinterkopf können wir diesen Kindern helfen, sprichwörtlich „greifbare“ Fortschritte zu machen und unbeschwert groß zu werden.
Wie sind deine Erfahrungen mit angeborenen Handfehlbildungen in der Praxis? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar oder tausche dich in unserer AFH-Community mit Kolleginnen und Kollegen aus!
Quelle zur Vertiefung: American Society for Surgery of the Hand (ASSH) – Handthology: Congenital Polydactyly.
