Neue S3-Leitlinie: Warum Herz-Kreislauf-Risiken bei Rheuma auch in Ergo und Physio mitgedacht werden sollten
AFH | Akademie für Handrehabilitation Warum Herz-Kreislauf-Risiken bei Rheuma auch in Ergo und Physio mitgedacht werden sollten: Neue S3-Leitlinie
Entzündlich-rheumatische Erkrankungen betreffen nicht nur Gelenke, Sehnen und Funktion.
Mit der neuen S3-Leitlinie „Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen“ rückt ein Thema stärker in den Vordergrund, das auch für therapeutische Berufe relevant ist:
Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, das in Prävention, Behandlung und Rehabilitation systematisch berücksichtigt werden sollte.
Die Leitlinie wurde im AWMF-Register unter der Nummer 060-010 veröffentlicht und gilt für die Versorgung erwachsener Patient:innen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.
Warum ist das für therapeutische Berufe relevant?
Die Leitlinie richtet sich zwar in erster Linie an ärztliche Fachgruppen, beschreibt ihren Anwendungsbereich aber ausdrücklich nicht nur für Diagnostik und Therapie, sondern auch für die Rehabilitation.
Zudem nennt sie ausdrücklich weitere an der Versorgung beteiligte Gesundheitsberufe als Adressat:innen der Information.
Genau hier liegt ihre Bedeutung für Ergo- und Physiotherapeut:innen:
Wer Menschen mit Rheuma begleitet, arbeitet nicht nur an Beweglichkeit, Kraft, Gelenkschutz oder Alltagsfunktionen, sondern immer auch im Kontext eines erhöhten allgemeinen Gesundheitsrisikos.
Was sagt die Leitlinie im Kern?
Die Leitlinie fasst zusammen, dass Patient:innen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben.
Außerdem kann eine hohe Krankheitsaktivität dieses Risiko zusätzlich erhöhen.
Empfohlen werden deshalb eine konsequente Kontrolle der Grunderkrankung, die strukturierte Erfassung des Gesamtrisikos, die Behandlung klassischer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Dyslipidämie, Diabetes, Rauchen und Übergewicht sowie eine gezielte Lebensstilberatung.
Was bedeutet das für die Physiotherapie?
Für Physiotherapeut:innen ist die neue Leitlinie hochrelevant, weil sie Bewegung nicht nur als funktionelle oder symptomorientierte Maßnahme versteht, sondern auch als Baustein der kardiovaskulären Prävention.
Wer Patient:innen mit rheumatoider Arthritis, Psoriasis-Arthritis, axialer Spondyloarthritis, Kollagenosen oder Vaskulitiden behandelt, muss Belastbarkeit, Ausdauer, Trainingssteuerung und Warnzeichen systemischer Beteiligung mitdenken.
Die Leitlinie macht deutlich, dass körperliche Aktivität nicht „trotz“ Rheuma, sondern als Teil eines guten Langzeitmanagements verstanden werden sollte.
Was bedeutet das für die Physiotherapie?
Auch für Ergotherapeut:innen ist die Leitlinie relevant, wenn auch auf andere Weise.
Ergotherapie arbeitet nah am Alltag — und genau dort entstehen viele gesundheitsrelevante Muster:
Bewegungsverhalten, Belastungsbalance, Pausenmanagement, Routinen, Selbstmanagement, Motivation und Adhärenz.
Wenn die Leitlinie Lebensstil, Risikofaktoren und Patient:innenaufklärung betont, eröffnet das klare Schnittstellen zur ergotherapeutischen Arbeit.
Warum ist das auch für die Handrehabilitation wichtig?
In der Handtherapie liegt der Fokus häufig auf Schmerz, Schwellung, Gelenkbeweglichkeit, Greiffunktion, Feinmotorik und Teilhabe im Alltag oder Beruf. Das bleibt zentral.
Gleichzeitig erinnert die Leitlinie daran, dass Patient:innen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nicht isoliert „an der Hand“ erkrankt sind, sondern ein erhöhtes systemisches Risiko tragen können.
Wer etwa Menschen mit rheumatoider Arthritis behandelt, arbeitet daher immer auch mit einer Patient:innengruppe, bei der allgemeine Gesundheitsrisiken stärker mitgedacht werden sollten.
Für die Perspektive ist genau das spannend:
Handrehabilitation bleibt hochspezialisiert, profitiert aber von einem erweiterten klinischen Blick. Wenn Therapeut:innen funktionelle Ziele an der oberen Extremität mit Aktivitätsförderung, Belastungssteuerung, Edukation und interprofessioneller Kommunikation verbinden, entsteht eine Versorgung, die näher an der aktuellen Evidenz ist.
Was Therapeut:innen aus der Leitlinie mitnehmen können
Die Leitlinie ist kein direkter Therapieplan für Ergo- oder Physiotherapie.
Sie regelt keine Übungsprogramme, keine ergotherapeutischen Assessments und keine handtherapeutischen Protokolle.
Aber sie setzt einen wichtigen Rahmen:
Rheumatologische Versorgung muss kardiovaskuläre Risiken stärker berücksichtigen, und Rehabilitation ist Teil dieses Gesamtbildes.
Für therapeutische Berufe heißt das vor allem:
aufmerksam sein, systemisch denken, Bewegung und Aktivität gezielt fördern und relevante Beobachtungen in die interprofessionelle Versorgung einbringen.
Fazit
Die neue S3-Leitlinie ist für Ergo- und Physiotherapeut:innen keine Randnotiz.
Sie unterstreicht, dass entzündlich-rheumatische Erkrankungen immer auch unter dem Blickwinkel allgemeiner Gesundheitsrisiken betrachtet werden müssen.
Für die Physiotherapie betrifft das besonders Trainingssteuerung und Bewegungsförderung.
Für die Ergotherapie sind vor allem Alltagsgestaltung, Selbstmanagement und nachhaltige Verhaltensänderungen relevant.
Und für die Handrehabilitation ist sie ein guter Impuls, spezialisierte Therapie mit einem erweiterten, systemischen Verständnis zu verbinden.
Primärquelle
AWMF-Leitlinie 060-010, Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen, S3-Leitlinie, Version 1.0, Stand 12.03.2026. Link: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-010
