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Flexorsehnennaht: Locking Loops oder Grasping Loops?

Arzthand untersucht die Hand eines Patienten, auf der eine grafische Darstellung von Nervenbahnen liegt.
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Flexorsehnennaht: Was Locking Loops und Grasping Loops für die Belastbarkeit bedeuten

Nach einer Flexorsehnenverletzung ist die operative Naht nur der erste Schritt.

Für die handtherapeutische Rehabilitation sind auch die mechanischen Eigenschaften der gewählten Nahttechnik relevant.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse verglich zwei Nahtkonfigurationen: Locking Loops und Grasping Loops.

Die Ergebnisse zeigen einen biomechanischen Vorteil für Locking Loops – klinische Schlussfolgerungen für individuelle Nachbehandlungsschemata lassen sich daraus jedoch nur vorsichtig ableiten.

Warum die Nahttechnik für die Handrehabilitation relevant ist

Zwei Frauen in einer Praxis betrachten eine Hand mit einer transparenten orthopädischen Schiene, die auf einer Behandlungsliege liegt.

Die Rehabilitation nach Flexorsehnennaht bewegt sich in einem anspruchsvollen Spannungsfeld: einerseits soll eine frühe, kontrollierte Bewegung Sehnengleitfähigkeit und Funktion unterstützen.

Andererseits darf die Belastung die Stabilität der Rekonstruktion nicht gefährden.

Wie viel Belastung in welcher Phase vertretbar ist, hängt nicht allein von einem Nachbehandlungsprotokoll ab.

Entscheidend sind unter anderem Verletzungszone, Anzahl der beteiligten Sehnen, Begleitverletzungen, Operationsbericht, verwendetes Nahtmaterial, Nahttechnik, Heilungsverlauf sowie die individuelle Umsetzbarkeit durch die Patientin oder den Patienten.

Hier setzt die aktuelle Arbeit von Riski und Kolleg:innen an. Sie untersucht nicht die Wirksamkeit therapeutischer Nachbehandlungskonzepte, sondern die Biomechanik – also das Verhalten von Sehnenrekonstruktionen unter kontrollierter Zugbelastung im Labor. Für Therapeut:innen ist diese Differenzierung wichtig: Biomechanische Daten können helfen, operative Rahmenbedingungen besser zu verstehen. Sie ersetzen jedoch keine klinische Beurteilung und keine individuell abgestimmte ärztliche Nachbehandlungsvorgabe.

Locking Loop und Grasping Loop kurz erklärt

Eine Männerhand mit einer grafischen Darstellung von zwei verschiedenen Sehnennahttechniken am Mittel- und Ringfinger.

Bei einer Flexorsehnennaht wird ein zentraler Nahtanteil, die sogenannte Kernnaht, durch die Sehne geführt. Die Art, wie die Nahtschlingen das Sehnengewebe erfassen, kann sich unterscheiden.

Ein Locking Loop zieht sich unter Zug um Bündel von Sehnenfasern fest.

Ein Grasping Loop umfasst Sehnenfasern, ohne sich in derselben Weise zuzuziehen.

Beide Begriffe beschreiben somit nicht einfach „starke“ oder „schwache“ Nähte, sondern unterschiedliche mechanische Prinzipien der Kraftübertragung im Sehnengewebe.

Zwei Messgrößen standen in der Meta-Analyse im Mittelpunkt: die 2-mm-Spaltlast und die maximale Reißlast.

Die 2-mm-Spaltlast bezeichnet die Kraft, bei der sich an der Nahtstelle ein zwei Millimeter großer Spalt bildet.

Die maximale Reißlast beschreibt die höchste Kraft, die eine Rekonstruktion vor dem Versagen aushält. Es handelt sich um Laborparameter; sie sind keine direkten Messwerte für alltagsbezogene Belastbarkeit oder Behandlungserfolg bei Patient:innen.

Was wurde untersucht?

Eine Frau studiert an einem Schreibtisch medizinische Abbildungen der Hand, die auf einem holografischen Display gezeigt werden.

Die Autor:innen recherchierten in MEDLINE und Cochrane CENTRAL nach experimentellen Laborstudien, die Locking- und Grasping-Konfigurationen bei Flexorsehnenrekonstruktionen unter linearer statischer Zugbelastung verglichen. Insgesamt wurden 14 Studien in die systematische Übersichtsarbeit einbezogen. Zusätzlich führten die Autor:innen Subgruppenanalysen und Meta-Regressionen durch, um mögliche Gründe für Unterschiede zwischen den Studien zu prüfen.

Das Studiendesign ist für die Einordnung wesentlich: Eingeschlossen wurden biomechanische Laboruntersuchungen, nicht klinische Studien mit Patient:innen. Entsprechend untersuchte die Arbeit keine Fragen wie Bewegungsumfang, Handfunktion, Schmerz, Arbeitsfähigkeit, Rupturraten oder Adhäsionen im tatsächlichen Rehabilitationsverlauf.

Grenzen der Studie

Bildmontage, die links ein anatomisches Modell mit chirurgischer Naht und rechts einen Patienten mit einer Handorthese in der Physiotherapie zeigt.

Die Autor:innen weisen selbst auf eine hohe Heterogenität zwischen den einbezogenen Studien hin. Für die maximale Reißlast lag die statistische Heterogenität bei I² = 87 %, für die 2-mm-Spaltlast bei I² = 83 %. Das bedeutet: Die Ergebnisse der einzelnen Studien unterschieden sich deutlich voneinander. Mögliche Gründe können Unterschiede bei Nahtmaterial, Sehnenmodell, Nahtdetails und Versuchsaufbau sein.

Zudem erfolgten alle eingeschlossenen Untersuchungen unter linearen statischen Laborbelastungen. Die Bedingungen einer lebenden, heilenden Sehne sind komplexer: Wiederholte Bewegungen, biologische Heilungsprozesse, Entzündung, Ödem, Adhäsionsbildung, patientenspezifisches Bewegungsverhalten und wechselnde Belastungen sind im Labor nur begrenzt abbildbar.

Die Autor:innen folgern daher ausdrücklich, dass weitere vergleichbare biomechanische Studien nur einen begrenzten zusätzlichen Erkenntnisgewinn liefern könnten. Erforderlich sind klinische Studien, die prüfen, ob die beobachteten biomechanischen Unterschiede tatsächlich mit besseren patientenrelevanten Ergebnissen verbunden sind.

Was bedeutet das für Handtherapie, Ergotherapie und Physiotherapie?

Eine Therapeutin untersucht die Hand eines Mannes, die in einer modernen, transparenten Handorthese steckt.

Für die therapeutische Praxis liefert die Analyse vor allem einen besseren Rahmen für die Kommunikation im interprofessionellen Team. Wenn im Operationsbericht eine Locking-Loop-Konfiguration dokumentiert ist, kann dies auf eine im Labor höhere Widerstandsfähigkeit gegen Spaltbildung und maximale Zugbelastung hinweisen. Daraus folgt aber keine eigenständige Anpassung eines ärztlich vorgegebenen Belastungs- oder Übungsprotokolls.

Die Wahl und Progression eines Nachbehandlungsschemas muss weiterhin individuell erfolgen. Eine hohe Laborfestigkeit einer Naht ist nur ein Faktor unter mehreren. Beispielsweise können Gewebequalität, Verletzungsmechanismus, Mehrfachverletzungen, zusätzliche Ringband- oder Nervenschäden, Ödem, Wundheilung, Schienenversorgung, Adhärenz und Bewegungsqualität die Rehabilitation wesentlich beeinflussen.

Die Studie stärkt damit nicht ein bestimmtes Protokoll, sondern die Bedeutung einer präzisen, interprofessionell abgestimmten Befund- und Verlaufsplanung.

Für Handtherapeut:innen ist deshalb besonders relevant, operative Informationen aktiv einzubeziehen

  • Welche Sehne wurde in welcher Zone versorgt?

  • Wie viele Stränge besitzt die Kernnaht?

  • Wurde eine zusätzliche epitendinöse Naht angelegt?

  • Welche Bewegungs- und Belastungsfreigaben gelten?

  • Und welche Warnzeichen sollen eine zeitnahe Rücksprache mit dem operierenden Team auslösen?

Die wichtigsten Ergebnisse der Meta-Analyse

Eine Frau betrachtet ein anatomisches Handmodell mit einer Sehnennaht und eine transparente Grafik, die verschiedene Nahttechniken zeigt.

Im Labor zeigten Locking-Loop-Konfigurationen im Vergleich zu Grasping-Loop-Konfigurationen höhere Werte sowohl bei der maximalen Reißlast als auch bei der 2-mm-Spaltlast. Der Vorteil war besonders ausgeprägt, wenn Nahtmaterialien mit hoher Zugfestigkeit verwendet wurden.

Bei den Grasping-Reparaturen lag die mittlere maximale Reißlast bei 40 Newton. Locking-Reparaturen erreichten im Mittel 7,9 Newton mehr; das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von 5,6 bis 10 Newton. Für die 2-mm-Spaltlast lag der Mittelwert bei Grasping-Reparaturen bei 31 Newton. Locking-Reparaturen lagen im Mittel um 5,8 Newton höher, mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 3,6 bis 8,1 Newton.

Diese Zahlen sprechen für einen biomechanischen Vorteil der Locking-Konfiguration unter den untersuchten Laborbedingungen. Sie bedeuten jedoch nicht automatisch, dass eine Locking-Naht in der klinischen Versorgung zu weniger Rupturen, besseren Bewegungsumfängen oder schnellerer Rückkehr in Alltag und Beruf führt. Genau diese klinische Übertragbarkeit wurde in der Arbeit nicht untersucht.

Fazit für die Praxis: Operative Details verstehen, Rehabilitation individuell planen

Ein Arzt erklärt einer Patientin mit Handgelenkbandage die Anatomie der Hand mithilfe einer holografischen Darstellung, während eine zweite Frau zusie

Die Meta-Analyse zeigt: Locking-Loop-Konfigurationen waren in den untersuchten Laborstudien biomechanisch belastbarer als vergleichbare Grasping-Loop-Konfigurationen.

Besonders deutlich war der Unterschied bei Nahtmaterialien mit hoher Zugfestigkeit.

Für die Handrehabilitation ist das eine relevante Hintergrundinformation, aber keine Grundlage für pauschale Therapieentscheidungen.

Entscheidend bleibt die individuell abgestimmte Rehabilitation auf Basis des Operationsberichts, der ärztlichen Vorgaben, des klinischen Verlaufs und der funktionellen Befunde.

Die Studie unterstreicht damit einen zentralen Grundsatz der Handtherapie: Operative Details verstehen, Belastung differenziert einordnen und Therapieentscheidungen interprofessionell abstimmen.

Quelle

Riski, Benjamin; Kuronen, Jaakko A. E.; Leppänen, Olli V.; Karjalainen, Teemu; Linnanmäki, Lasse. Comparison of Locking and Grasping Loops in Similar Repair Techniques: A Systematic Review and Meta-analysis. The Journal of Hand Surgery, 2026.

Volltext: https://www.jhandsurg.org/article/S0363-5023(25)00722-1/fulltext

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