Sie sind hier: Startseite » Fachliches » AFH Blog

Psychische Gesundheit im Spitzensport: Relevanz für die Rehabilitation

Eine Frau trainiert mit einem orangen Fitnessband, während eine Grafik die Muskeln in ihrem Arm darstellt.
AFH | Akademie für Handrehabilitation AFH | Akademie für Handrehabilitation

Psychische Gesundheit im Spitzensport: Was die neue IOC-Empfehlung für die Rehabilitation bedeutet

Psychische Gesundheit gehört zur sportlichen Rehabilitation dazu – auch nach Verletzungen der Hand und oberen Extremität.

Ein aktuelles Konsensusstatement des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) empfiehlt, psychische Symptome und Erkrankungen bei Leistungssportler:innen routinemäßig und mit validierten Instrumenten zu erfassen.

Für die Handtherapie, Ergotherapie und Physiotherapie folgt daraus keine diagnostische Aufgabe.

Die Empfehlung unterstreicht jedoch, wie wichtig eine personenzentrierte, interprofessionell abgestimmte Rehabilitation ist.

Die IOC-Empfehlung: Psychische Gesundheit systematisch mitdenken

Das Konsensusstatement „Mental health in elite athletes: International Olympic Committee consensus statement (2026)“ aktualisiert die IOC-Empfehlungen von 2019.

Es fasst wissenschaftliche Literatur und Expert:innenkonsens zusammen und betrachtet psychische Gesundheit im Leistungssport umfassend:
von Prävention und Früherkennung über Versorgung und Krisenmanagement bis zu Bedingungen im Trainings- und Wettkampfumfeld.

Zentrale Empfehlung ist ein routinemäßiges Screening, also eine strukturierte Erfassung möglicher psychischer Symptome oder Belastungen mit wissenschaftlich geprüften Frageinstrumenten.

Dieses Screening soll nicht erst dann stattfinden, wenn eine akute Krise sichtbar wird, sondern zu vorab festgelegten Zeitpunkten und bei relevanten Veränderungen im Sportalltag.

Ein Screening ist dabei keine Diagnose. Es kann Hinweise liefern, dass weitere fachliche Abklärung oder Unterstützung sinnvoll sein könnte.

Verletzung, Rehabilitation und psychische Belastung: ein komplexer Zusammenhang

Eine Verletzung bedeutet für Leistungssportler:innen häufig mehr als eine vorübergehende Einschränkung der körperlichen Funktion.

Sie kann Training, Wettkampfteilnahme, Zugehörigkeit zum Team und das Selbstverständnis als Sportler:in berühren.
Das IOC-Konsensusstatement behandelt ausdrücklich die Schnittstelle zwischen Verletzung, Leistung und psychischer Gesundheit. Es empfiehlt, psychische Reaktionen auf Verletzungen routinemäßig zu berücksichtigen.

Wichtig ist eine fachlich präzise Einordnung:
Aus dem Vorliegen einer Verletzung lässt sich nicht auf eine psychische Erkrankung schließen.
Ebenso kann aus psychischer Belastung keine einfache Ursache für Verletzungen oder einen bestimmten Rehabilitationsverlauf abgeleitet werden.
Körperliche Beschwerden, Schmerz, Schlaf, Trainingsbelastung, berufliche und soziale Anforderungen sowie sportliche Erwartungen wirken zusammen und können sich gegenseitig beeinflussen. Der individuelle Kontext bleibt entscheidend.

Relevanz für Handtherapie, Ergotherapie und Physiotherapie

Therapeut:innen in der Handrehabilitation stellen keine psychischen Diagnosen, sofern dies nicht zu ihrer spezifischen Qualifikation und Rolle gehört.

Sie erleben Patient:innen jedoch häufig über mehrere Wochen oder Monate hinweg und begleiten Fortschritte, Rückschritte, Belastungsaufbau und die Vorbereitung auf sportartspezifische Anforderungen.
Diese therapeutische Kontinuität kann eine vertrauensvolle Kommunikation ermöglichen.

Eine psychologisch informierte Rehabilitation bedeutet nicht, psychotherapeutisch tätig zu werden.
Sie bedeutet, die körperliche Behandlung so zu gestalten, dass nachvollziehbare Ziele, Beteiligung der Sportler:innen und ein transparenter Belastungsaufbau möglich sind.

Hilfreich sind beispielsweise Fragen danach, welche Handlungen im Alltag, Training oder Wettkampf besonders wichtig sind, welche Situationen Unsicherheit auslösen und wie realistisch die nächsten Rehabilitationsschritte eingeschätzt werden.

Return to Sport ist mehr als Belastbarkeit und Bewegungsumfang

Die Rückkehr in den Sport wird häufig anhand körperlicher Kriterien geplant: Heilungsverlauf, Beweglichkeit, Kraft, Belastbarkeit, Koordination und sportartspezifische Funktion.
Diese Kriterien bleiben unverzichtbar.
Das IOC empfiehlt jedoch, bei Sportler:innen mit psychischen Belastungen oder Erkrankungen Sicherheit, Stabilität und Funktion ebenfalls als leitende Gesichtspunkte für die Rückkehr in den Sport einzubeziehen.

Für die Handtherapie lässt sich daraus ableiten:
Eine funktionell gute Testleistung allein beantwortet nicht jede Frage zur sportlichen Wiedereingliederung.
Ebenso relevant kann sein, ob die Person sich bei sportartspezifischen Belastungen sicher fühlt, die vereinbarte Trainingssteuerung umsetzen kann und ob das Umfeld realistische Erwartungen unterstützt. Das ist keine Aufforderung, die Entscheidung über die Sportfreigabe allein therapeutisch zu treffen. Vielmehr spricht es für transparente Abstimmung im Behandlungsteam.

Besonders wichtig ist eine gemeinsame Sprache.
Begriffe wie „Belastungsangst“, „fehlendes Vertrauen“ oder „mangelnde Motivation“ sollten nicht vorschnell als persönliche Schwäche verstanden werden.

Sie beschreiben zunächst Erfahrungen, die in der Rehabilitation exploriert und bei Bedarf interprofessionell eingeordnet werden müssen.

Was Einrichtungen organisatorisch vorbereiten können

Das IOC richtet seine Empfehlungen primär an den Spitzensport. Dennoch sind einzelne Grundgedanken auch für Praxen, Rehazentren und sportmedizinische Netzwerke relevant:
klare Zuständigkeiten, vertrauliche Kommunikation und bekannte Weiterleitungswege.

Ein Therapieteam sollte wissen, an welche ärztlichen, psychotherapeutischen oder sportpsychologischen Stellen es bei Bedarf verweisen kann.

Was Einrichtungen organisatorisch vorbereiten können

Das IOC richtet seine Empfehlungen primär an den Spitzensport. Dennoch sind einzelne Grundgedanken auch für Praxen, Rehazentren und sportmedizinische Netzwerke relevant: klare Zuständigkeiten, vertrauliche Kommunikation und bekannte Weiterleitungswege. Ein Therapieteam sollte wissen, an welche ärztlichen, psychotherapeutischen oder sportpsychologischen Stellen es bei Bedarf verweisen kann.

Die Verantwortung für ein strukturiertes psychisches Screening liegt dabei nicht automatisch bei einzelnen Therapeut:innen. Wenn Sportorganisationen oder medizinische Teams Screenings einsetzen, sollten sie validierte Instrumente nutzen, Datenschutz und Vertraulichkeit beachten sowie verbindliche Abläufe für Rückmeldung, Abklärung und Versorgung festlegen. Das IOC betont außerdem die Bedeutung formaler, regelmäßig überprüfter Pläne für psychische Krisensituationen im Leistungssport.

Grenzen des Konsensusstatements

Das IOC-Dokument ist keine einzelne Interventionsstudie und kann daher nicht belegen, dass ein bestimmtes Screening oder eine einzelne Maßnahme psychische Erkrankungen verhindert oder den Rehabilitationsverlauf verbessert. Es handelt sich um ein Konsensusstatement, das wissenschaftliche Literatur bewertet und daraus Empfehlungen ableitet. Die Übertragbarkeit einzelner Empfehlungen hängt vom Setting, der Sportart, dem Versorgungssystem und den verfügbaren Fachstrukturen ab.

Zudem weist das Statement auf Wissenslücken hin. Unter anderem sind junge Leistungssportler:innen, Para-Athlet:innen und Personen im Übergang aus dem Leistungssport in der Forschung vergleichsweise weniger gut untersucht. Empfehlungen sollten deshalb nicht schematisch angewendet, sondern an die individuelle Lebens- und Sportsituation angepasst werden.

Fazit für die handtherapeutische Praxis

Die IOC-Empfehlung erweitert den Blick auf Sportrehabilitation:
Eine gelungene Rückkehr in Sport und Alltag umfasst nicht nur Gewebeheilung, Beweglichkeit und Kraft, sondern auch die individuelle Erfahrung von Sicherheit, Teilhabe und Belastbarkeit.

Handtherapeut:innen, Ergo- und Physiotherapeut:innen müssen psychische Erkrankungen nicht diagnostizieren oder behandeln.
Sie können jedoch durch wertschätzende Kommunikation, partizipative Zielplanung, nachvollziehbaren Belastungsaufbau und gute Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen einen wichtigen Beitrag zu einer umfassenden Rehabilitation leisten.

Quelle:

Reardon CL, Gouttebarge V, Kroshus-Havril E, Aron CM, Bahr R, Blauwet C, Castaldelli-Maia JM, Cheng C, Currie A, Derevensky JL, Edwards C, Fussek S, Gorczynski P, Grandner M, Han DH, Hitchcock ME, Lu F, Massey A, McDuff D, Mountjoy M, Purcell R, Putukian M, Rice SM, Sloan S, Soligard T, Sundgot-Borgen JK, Swartz L, Thornton JS, Tshube T, Hainline B.

Mental health in elite athletes: International Olympic Committee consensus statement (2026).

British Journal of Sports Medicine. 2026;60(15):1083–1130. doi: 10.1136/bjsports-2025-111514.


© 2026 AFH | Akademie für Handrehabilitation | Alle Rechte vorbehalten

AFH steht für Akademie für Handrehabilitation – ein unabhängiger Anbieter von Fortbildungen seit 2002.
Andere Verwendungen der Abkürzung AFH durch Dritte (z. B. für Produkte oder Webshops) stehen in keiner Verbindung zu unserer Akademie.


Wir nutzen Cookies, um unsere Website zu optimieren und Ihnen ein bestmögliches Nutzererlebnis zu bieten.

Mit „Alle erlauben“ stimmen Sie der Verwendung aller Cookies zu.
Über „Nur notwendige“ können Sie ausschließlich technisch erforderliche Cookies zulassen.
Unter „Cookie-Einstellungen“ erhalten Sie weitere Informationen und können einzelne Cookies gezielt aktivieren oder deaktivieren.

Cookie-Einstellungen